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Dann eben mit Bahnsteigkarte

“Revolution in Deutschland? Das wird nie etwas, wenn diese Deutschen einen Bahnhof stürmen wollen, kaufen die sich noch eine Bahnsteigkarte!” (Lenin)

Der obenstehende Ausspruch war eine Art Stoßseufzer Lenins, nachdem er erkennen mußte, daß die Deutsche Revolution von 1918 in eine parlamentarische Demokratie führte und nicht in eine kommunistische Räterepublik. Weiterlesen

Von der Feigheit der hasserfüllten Gesinnungswächter

Es gibt selbsternannte oder fremdbestimmt-bestallte Grüppchen, die ihre ganze Energie der Protektion und Ausbreitung von Partikularinteressen widmen. Mit gleicher Verve stürzt man sich auf jede kleinste Artikulation von Zweifeln daran, daß das Partikulare etwas mit der Wohlfahrt der gesamten Gesellschaft zu tun haben könnte. Nicht, daß man sich in einen gewünscht fruchtbaren Diskurs stürzte. Beileibe nicht. Vielmehr werden alle Register gezogen, die der Giftschrank faschistoiden Dogmatismus so bereithält.

So richtig viel Mut gehört nicht dazu, Euro-Kritiker als Antieuropäer brandmarken zu wollen. Auch Frauenlob und Familienförderung holt die Beck(messer)’s auf den Plan, samt quäkigem Gezeter und Herdphobien. Wer’s bunt mag, hat die One-World-Tuschwasserfront gegen sich und Geschichte soll bloß nicht als Wissenschaft, sondern höchst gefälligste Guido-Knopp’sche Formel der Volkspädagogik definiert sein. Weiterlesen

Caspar David Friedrich [Public domain], via Wikimedia Commons

Seemannsgarn oder weil die EU kein sicherer Hafen ist

Warner gab es genug. Doch ihr Rufen wurde vom Pfeifen der Anderen übertönt. Und jetzt schallt es aus dem Walde zurück. Die, die pfiffen, haben das Schiff unterdessen längst verlassen.

Der geneigte Leser wird sich jetzt fragen, was Wald und Schiff miteinander zu tun haben.
Es sind die Bäume. Und die Rufer im Walde sind die, die ob ihrer scharfen Augen und Erfahrung im Mastkorb stehen und ausspähen, ob sich dunkle Wolken am Horizont türmen.

Unten, an Deck der Narrenschiffe im vermeintlich sicheren Hafen, sieht man anscheinend den Wald vor lauter (Mast-)Bäumen nicht. Wer allerdings denkt, mit dem, der pfiff, sei der Bootsmann gemeint gewesen, der sei an dieser Stelle enttäuscht: Nein, der Bootsmann geht – wenn überhaupt – erst kurz vorm Kapitän.

Doch die Narrenschiffe im Hafen der EU hängen mit einander vertaut in einem Hafen, dessen Kommandantur die Währung der Liegegebühren nivelliert hat. Fischerboot, Draggen, Kogge, Klipper und Galeone: Alle zahlen gleich. Mit gleicher Münze.
Gelöscht wird nach Quote. Ware, die verdirbt kriegt die See. Genauso wie die blinden Passagiere aus den Kolonien. Auch im Brackwasser dieses Hafens kann der Arme ertrinken.

Caspar David Friedrich [Public domain], via Wikimedia CommonsDerweil tut sich viel in der Hafenkommandantur. Eine neue Prisenordnung wird aufgestellt. Und der Schiffstyp soll vereinheitlicht werden: Auf die Galeere, damit nichts aus dem Ruder läuft. Bei Flaute – oder Meuterei.

Überhaupt ist man in diesem Hafen zunehmend Anhänger von disziplinierter Ordnung unter Deck. Dafür wird auch fleißig getrommelt. Von den Smutjes, die Murdoch, Berlusconi, Springer oder ganz anders heißen mögen. Sie kochen ihren verdorbenen Brei.
Die Herren des Hafens (nicht die eigentlichen) gehen mit gutem Beispiel voran und verkünden die Alternativlosigkeit dieses Zusammenwirkens der Kräfte im Bauch der Galeeren. Die Kommandantur nennt sich kommissarisch Siphonophora* und sendet ihre Troikas von Boot zu Boot, von Schiff zu Schiff.

Einerseits, um den verbliebenen Pfeifern sicheres Geleit zu geben; andererseits um marodierend den Umstieg vom bewährten auf den neuen Schiffstyp mit ordnender Hand zu gestalten.

Und genau das geht am besten dadurch, daß man die Fender einholt, sobald die See kabbeliger wird. Dann schlagen die ehernen Rümpfe herrlich aneinander. Den Neuordnern ist’s eine Lust.

In der Hafeneinfahrt liegen Monitore. Wer wollte hier den Anker lichten und auf hoher See in Gottes Hand zu sein und Gerechtigkeit zu suchen?

Die Wahl ist eindeutig: In einer Armada von Galeeren bei Sturm zerschlagen zu werden. Das ist die Cholera. Oder, aneinandergekettet und vertäut, von der Hafenwelle erreicht und verdorben zu werden. Das ist die Pest. Womit wir wieder bei denen wären, die das sinkende Schiff immer rechtzeitig zu verlassen trachten.
Solange unser Kapitän eine pyramidol abgetakelte Fregatte ist, bei der einzig und allein noch der Verklickerintakt ist, solange wird der Rumpf unseres Schiffes die anderen beschädigen. Und sich selbst.

* Staatsqualle (z.B. Portugisische Galeere), bestehend aus Hunderten von Polypen

Cornelia Menichelli / pixelio.de

Sie wollten Frieden, sie wollten Brot – und bekamen Spiele

Dreh Dich nicht um. Die Finanzkrise geht um in der EU. Und ehe sich ein Mitgliedstaat versieht, liegt der Plumpsack in seinem Rücken. Und kaum, daß man ihn – sich verausgabend – losgeworden ist, liegt er wieder dort.

Es geht reihum. Die Realwirtschaften in den Ländern ächzen unter den Lasten der Konsolidierungszwänge. Schlimmer noch, es zeigt sich vielerorten die Abwärtsspirale, die Deflationen unweigerlich auslösen, wenn die Wirtschaft nicht prosperieren kann. Und sie kann es nicht, weil sie in Spanische Stiefel einer Währung eingeschnürt ist, die keine Abwertungsmöglichkeit der Währung bietet. Nur, gerade dieses Werkzeug ist so wichtig, sich dem Produktivitätsgefälle zu den Mitbewerbern stellen, aber auch fiskalistischen Maßnahmen in anderen Wirtschaftsräumen begegnen zu können  (z.B. offene oder verdeckte Subventionen).

Der vergemeinschaftlichte “Schweinezyklus” war aber vollends außer Kontrolle durch die Bürger mit ihren Realwirtschaften geraten, als die Finanzmärkte die EU zum Spielfeld machten. In ihre Planspiele, ausgeführt in hochleistungsfähigen Rechnernetzwerken, war alles vorprogrammiert: die Überbewertung, die Unterbewertung, der Überkonsum, die Unterfinanzierung, der Gemeinschaftsgedanke, die Zwietracht.
Die Spekulationssoftware – mit dem Rahmen, in dem Finanzjongleure denken können, programmiert – wurde mit sozioökonomischen Daten gefüttert. Nicht nur, aber zuvorderst.

Vermessen(d)er Anspruch Quelle: Gerd Altmann / pixelio.de

Die Nachfrage nach solchen Daten wurde ungeheuer. Je mehr Daten – hierbei insbesondere Stimmungsdaten aus den Zielterritorien  der Spekulation – vorlagen, desto sicherer war man sich darin, hier agieren zu können. “Setzen” würde es im Casino heißen.
Und wie das mit großer Nachfrage so ist, alsbald stellte sich eine eine Familie vor, die mit einer ganz neuartigen Form von Angebot aufwartete: Die Familie der sozialen Netzwerke.
Diese “social networks” warteten mit einem Geschäftsmodell auf, welches aus Sicht der Spekulation genial war. Rein technisch konnten die Produkte dieser beiden hochkomplexen Welten überaus einfach verheiratet werden. Hier war lediglich Schnittstellenmanagement erforderlich.
Der Clou lag in etwas ganz anderem: Die Spekulation betrachtete ihre Abnehmer und Lieferanten bislang ausschließlich als “homo oeconomicus”. Sie konnte nur so, denn als System kann sie nur systemimmanent analysieren und interpretieren.
Soziale Netzwerke indessen nutzen den Menschen als das, was er zuallererst ist: Ein “homo sociologicus”, ein soziales Wesen. Und indem sie den Menschen genau dort abholten, wo ihn die kalte Welt des Individualismus hingestellt hatte – vereinzelt, vereinsamt und entwurzelt – und ein Zerrbild leicht konsumierbarer und leicht entsorgbarer sozialer Kontakte gaben, schufen sie sich einen Datenspender für ihre Datenbanken.

Diese Datenbanken, und vor allem die Algorithmen, die sie speisen und die Erhebungen verketten, sind ungeheuer wertvoll. Viel wertvoller ist jedoch “der Marktzugang”. Bei sozialen Netzwerken ist der Markt die Menschheit. Teilmärkte könnten die EU, Zypern, aber auch EU-Kritiker oder Schuhmodeaffine sein. Das ist alles eine Frage der Abfrage.
Je besser der Marktzugang, je mehr die Marktteilnehmer – am besten freiweillig (i.S.v. unaufgefordert) – von sich preisgeben, aktiv oder lediglich durch anklicken, verweilen, verlassen, kommentieren, desto höher der Wert der Daten.
Und wie wertvoll die sozialen Netzwerke sind, zeigt sich darin, daß heute die wertvollsten Unternehmen der Welt die sind, die Daten sammeln: Apple, Google, Facebook, Twitter und Co.
Nicht aber sind es Unternehmungen, deren Betriebe echte Wertschöpfung betreiben, wo Arbeiter und Angestellte für hunderttausende Familien unmittelbar Lohn und Brot schaffen.

Für einige ein besonders guter Jahrgang. Bild: Raphael Reischuk / pixelio.de

Die Finanzwirtschaft hat sich längst Schnittstellen zu Facebook & Co. gekauft. Und mitnichten sind es profane Konsumdaten, die da von besonderem Interesse sind. Real existierende Stimmungen werden herausgelesen.

Es klingt abstrus und ist es auch. Aber tatsächlich wird die Art und Häufigkeit der Nutzung von Wörtern wie Angst, Krise, Lust, toll, Frühlingsgefühl, Gold erhoben und von den Programmen ausgewertet. Und je nachdem, was die Milliarden Rechenoperationen in einem Augenblick zum anderen ergeben, setzen die Spielecomputer. Sie setzen auf Daumen hoch, oder Daumen runter. Die Ursachen und Alternativen, die den “homo sociologicus” leiten, spielen keine Rolle.

Denken sie einmal zurück: Wann wurden Sie das letzte Mal auf der Straße angesprochen oder angerufen, um an einer Emnid-Befragung teilzunehmen? Länger her?

Kein Wunder: Jeder von uns liefert die Daten – und zwar viel mehr, als ein Fragebogen erheben könnte – frei Haus.

Und genau diese Spielchen sind es, die das EU-Europa dorthin verleitet haben, wo es jetzt steht.
Ursprünglich baute man aus den zerschlagenen Resten des Subkontinents eine Gemeinschaft, in der das Verbindende gesucht wurde. Die Menschen wollten Frieden und an der Spitze der Völker – in Wirtschaft, Politik und Geistesleben – standen Menschen, die genauso dachten, fühlten, sehnten. In partnerschaftlichem Vorgehen, wie Wettbewerb sollte die Wohlfahrt und der Wohlstand der Menschen gemehrt werden.

In dem Maße jedoch, in dem Frieden und Saturiertheit sich ausbreiteten, zogen durch die Hintertüre Kräfte ein, denen die Abwesenheit von Krieg und Armut gleichgültig, der Wohlstand der EU-Bürger jedoch umso interessanter war. Denn mit Wohlstand läßt sich spekulieren. Das soll nicht heißen, der der Wohlstand unbedingt verringert werden soll. Nur, in Geldmittel erfaßter Wohlstand – am besten mit einer einheitlichen Währung – ist in Schuldgeldsystemen immer gefragt. Geldvermögen in An- oder Einlagen dient zur Besicherung von Krediten. Aber nicht nur. Es dient auch zur Absicherung von Spekulationen. Wenn was schief geht, halb so schlimm: das Geld ist ja nicht weg, sondern bleibt in der Familie  – nicht aber beim Bürger. Dem wird es durch Enteignung, direkt oder durch Abwertung der Sache oder Währung, entnommen.

Diese schleichende Durchdringung des Finanzwesens der EU wurde jedoch erst möglich, in dem die “alten Europäer” durch Winkeladvokaten und Machtzirkel ersetzt wurden. Winkel und Zirkel bildeten nun unheilige Allianzen dergestalt, daß ein zunehmender Bürokratismus und Regulierungswahn die Bürger von “ihrer” europäischen Gemeinschaft entfremdeten. Die EU begann zunehmend ein Eigenleben zu entwickeln, an dem die Menschen immer dann teilhaben durften, wenn eine neue eurokratische Regulierung in die nationalen Belange eingriff. Viel mehr war nicht drin.

Mehr war aber auch nicht erwünscht. Denn ganz explizit ließ sich die Eurokratur nicht durch die Mitgliedstaaten beraten und tragen, sondern holte sich die Expertise zunehmend von externen Beratungsinstitutionen.
Einige dieser Häuser sind es jetzt, die als Lohn für ihre Leistungen entweder ihre Mitarbeiter in die EU-Institutionen bringen – Goldman Sachs darf hier als Paradebeispiel angeführt sein – oder als Ratinggesellschaften dafür sorgen, daß die Regierungen der Mitgliedstaaten sich nicht mehr um Wohlfahrt und Sicherheit ihrer Bürger kümmern können, sondern nur noch mit der Abwehr von Krisen beschäftigt sind.

Rosel Eckstein / pixelio.de

Die Abwesenheit von Führung in den Ländern macht es allerdings schwer, von politischer Seite jene Mißklänge abzuwehren, die nun unter den EU-Mitgliedstaaten aufkommen.

Die Medien, zu erheblichem Teil in den Händen eben jener Spekulanten, tun dabei alles, um die Mißtöne zu fördern, samt Ressentiments, derer wegen Europa ruiniert worden war und aus diesen Ruinen auferstehen wollte.

Von den Spekulanten ist nicht viel zu erwarten, außer, daß man sogar auf Ruinen spekulieren würde, wenn ein Spielmodell hier Gewinne verhieße. Es wäre nicht das erstemal, daß auf Krieg spekuliert würde – und was anderes als (Bau)Ruinen sind die Zehntausende Leerstände von Halbfertigbauten in Spanien oder Florida?

Besonders erschrecken muß aber, daß selbst in jenen Ländern, in denen der Plumpsack schon gefallen war und deren Bürger die Not zunehmend spüren, die Dimension von Schuld verkehrt wird.
Man sucht die Schuld bei sich: “Wir sind ja bereit, die Verantwortung dafür zu übernehmen, dass wir die Wirtschaft hier ruiniert haben. Wir haben Fehler gemacht. Aber wir sind enttäuscht, dass die Eurogruppe diesen Moment unserer Schwäche ausgenutzt hat”, sagt die zyprische Dramaturgin Marina Maleni in der F.A.Z. vom 23.3. (Feuilleton, S. 31).
Das Schlimme: Die Eurogruppe, das ist heute in weiten Teilen der EU synonymisch mit Deutschland.

Es gibt viel Aufklärungsarbeit zu leisten, wenn die Bürger wieder glauben, ihre Unmündigkeit wäre selbstverschuldet. Die Fehlleitung und Ausnutzung durch andere zum Zwecke der Etablierung eben dieser Unmündigkeit ist es, die fremdverschuldet ist und aus der es uns selbst zu befreien gilt.

Eine große Gefahr besteht darin, daß die Völker Europas in Unfrieden und Zwiespalt zueinander gebracht werden. Ein großer Teil der Massenmedien fördern es und die Politik trägt ihr patinertes Scherflein dazu bei. Selbst systemkritische Strömungen von Rechts und Links stimmen in diesen falschstimmigen Chor ein und hoffen, das schräge Töne beachtenswert sind.

Eine alternative Gegenbewegung in Deutschland hat eine große Herausforderung zu bestehen: Es ist in Deutschlands ureigenstem Interesse (aber es schadet auch nicht, sich einen echten europäischen Gedanken zueigen zu  machen), sich auf die Seite der Völker Europas zu stellen. Und jedes Mitglied der EU, welches in Bedrängnis geraten ist, erfordert unser Engagement in der Weise, daß wir alle Kräfte, die unseren Partner schädigen, als Schädling ansehen und bekämpfen.
Es liegt auch viel Eigennutz in dieser Sache, selbst wenn Altruismus eine noch schönere Zierde wäre: Zum Einen, weil wir als Deutsche nicht ohne Europa können und wollen – zum Anderen, da dieser Feind irgendwann auch den Plumpsack hinter unseren Rücken legen wird, ließen wir ihn gewähren.

„Die glücklichen Sklaven sind die erbittertsten Feinde der Freiheit.“  (Marie von Ebner-Eschenbach)

Bildquellen:

Vermessener Anspruch: Gerd Altmann / pixelio.de

Guter Jahrgang:  Raphael Reischuk / pixelio.de

Finanzmafia: Rosel Eckstein / pixelio.de