Leserbrief von J. Fischer in der Frankfurter Allgemeine Zeitung, 24.05.2005, Nr. 118, S. 13 zur Hatz von M. Wolffsohn gegen F. Müntefering (SPD) wegen dessen Nutzung der Metapher „Heuschrecken“:

Animalische Vergleiche
Zum Artikel „,Wie die Nazis gegen Juden‘ – Kapitalismusstreit außer Rand und Band“ (F.A.Z. vom 4. Mai): „O Weisheit! Du redst wie eine Taube!“ (Johann Wolfgang von Goethe, „Adler und Taube“), kommt mir in den Sinn, höre ich das Wehgeschrei, welches nach dem Heuschreckenvergleich im Rahmen Münteferings‘ Kapitalismuskritik anhob. Parallelen zu den Termini der Nationalsozialisten werden gezogen, die der Sozialdemokrat gewiß nicht im Hinterkopf hatte, als er seine Rede schrieb. Man möchte derartige Vergleiche als ungeheuerlich empfinden, wäre nicht bewußt, daß sie letztlich Mittel zum Zweck sind, und nicht tatsächlich aus innerer Empörung kommen. Oder doch? Wo bleibt dann die Kritik, die Klage, wenn bei Staatsdemonstrationen à la „Bündnis gegen Rechts“ aus bewährter Richtung „Nazischweine raus!“ gebrüllt, oder bei braunen Aufmärschen von „Roten Ratten“ oder „Linken Zecken“ gesungen und geschrieen wird? Vergleiche zur Tierwelt haben Menschen schon in prähistorischer Zeit gezogen. Wir kennen sie aus den Mythologien und Liedern der Antike, den nordischen Epen, der chinesischen Astrologie, kirchlichen Fresken, den Tempeln der Mayas, den Masken der Zulu. Unzählige Namen enthalten Animalisches. Und der Welpe Isegrims wurde vielleicht einfach Wolffsohn genannt. Manch Leithammel freut sich, daß es den Reineke Fuchs gibt, der Wahrheiten kündigt, die er selbst aus Herdenräson nicht sagen darf. Es gibt ganze Bundesländer, die hatten einen Vogel. Mein Ministerpräsident benennt sich nach dem Canis Lupus (lat. Wolf). Die Ballade vom „Reineke Fuchs“ und das Gedicht „Adler und Taube“ stehen neben Tausenden Fabeln aus deutscher Feder. Und was wäre die antitotalitäre Literatur ohne George Orwells „Animal Farm“ (“ Farm der Tiere“)?

Als Inhaber eines mittelständischen Unternehmens mag ich die stereotype Globalkritik des SPD-Parteivorsitzenden vielleicht mit „was kümmert’s den Mond, wenn der Mops ihn anbellt“ kommentieren, mit Nazi-Ideologie bringe ich sie kaum in Verbindung. Deren rassistischer Kern bestand darin, explizit und benannt Menschen in Untermenschen und Übermenschen zu kategorisieren. Das Gejaule, Gekläffe und Gezeter ist entlarvend und durchschaubar. Ein Antrag auf Verbot der Verwendung verfassungsfeindlicher Tiervergleiche dürfte vor dem Europäischen Gerichtshof keinen Bestand haben, Menschen anderer Länder sind vernunftbegabt genug, deutsche Paranoia nicht nachäffen zu müssen.