Bildquelle: uschi dreiucker / pixelio.de

Jutta Ditfurth, ein Apfel und der Stammbaum

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“Mich dünkt, die Alte redet im Fieber.” (Goethe, Faust I)
Dieser Wochen stehen die Apfelbäume in voller Blüte, Flur und Land stehen in frischem Grün, Blüten bieten lebenslustvoll ihren Kelch den wenig gewordenen, emsigen Bienen und mannigfaltig anderem Insekt zur Befruchtung und Verbreitung.
So ist die Natur und mit ihr der Mensch. Die Ostertage sind auch ihrer Fruchtbarkeit Fest, und Meister Lampe hoppelt, hier und da mümmelnd, über die Felder. Ewiges Symbol des Erneuerungsdranges der Schöpfung.
Damit Neues entstehen kann, muß Altes vergehen, muß weichen. Doch auch in seinem Vergang kann das Alte dem Neuen dienen, den Grund befruchten, aus dem junges, frisches Leben keimt. Weiterlesen

Von Rokokoschranzen, ESM-Gouvernanten und dem Roten Hahn

Es ist schwer, diese Zeit aus der Distanz zu betrachten. Zu zahlreich die Eindrücke, verworren die Zusammenhänge. Sinne und Geist, und schon gar das Bauchgefühl werden ganz von allem, was da auf einen einstürmt, gefangen genommen. Und wer hat schon Zeit, wie Goethe eine Italienische Reise anzutreten oder wie Wagner einfach mal einen ausgedehnten Spaziergang von Dresden nach Prag zu unternehmen, um zu sich zu kommen. Und doch: Beide waren sie dabei. Der eine in Valmy, der andere auf einer 48er Barrikade.

Dem – zugegeben befangenen – Betrachter kam bei einem Müßiggang im frühlingshaften, noch weitgehend kargen Wald, bei frischem Jubilieren der lenzingtollen Vöglein, der Gedanke, daß wir in einer Zeit leben, die dem Vormärz, vielleicht aber noch mehr dem späten Barock ähnelt.
Insbesondere die westliche Welt ist zunehmend von Figuren regiert, die ein restlos losgelöstes Tingeltangel vollführen. Wie zu Louis XIV Zeiten nach Versailles, strebt in Deutschen Landen alles nach Berlin. Weiterlesen

Sprache ist Denken. Halt.

Konrad Lorenz hat sein langes Leben lang das Verhalten der Gänse studiert. Auch deren Sprache.  Letztenendes konstatierte er, daß er nun sein Leben lang die Sprache der Gans erforschen wollte, nur um dann am Ende festzustellen, daß sie (die Gänse) von Morgens bis Abends nichts als dummes Zeug schnattern.

Nun gilt Lorenz als der Vater der vergleichenden Verhaltensforschung (Ethologie) und eines ausgesprochenen Humors. Und einer seiner Lieblingssprüche war das alte, chinesische Sprichwort:

„Es steckt viel Tier im Mensch, aber nicht aller Mensch im Tier“.

Womit wir wieder bei dummen Gänsen wären.
Ich muß entäuschen: mir geht es hier nicht um die Hyänen, die mit Entsetzen Scherz treiben.

Also, hier geht es nicht um Sexismus. Hier geht es u.a. um Descartes‘ „cogito ergo sum“ und vor allem Parmenides‘ „Sprache ist Denken“.

In der Jugend liegt Kraft, Idealismus, Aufbruch. Ihre Aufgabe ist die Umwerfung des Status, ohne langes Grübeln über das Quo. Ihr Tun (nicht Unterlassen) führt eine Neuordnung herbei. Nicht, daß das ihr Ziel wäre. Nein, nichts weniger als das. Und in diesem Stürmen und Drängen, vor Begehren, Wünschen und Wollen überquellenden Herzens, entwickelt sich eine Welt weiter. Hin zu Gemeinsinn, hoch zu einem edleren Geschlecht, hinauf zu gerechterem Dasein.

„Krass. Ey, was hat der denn? Status Quo, das war’n doch, na ja, halt die mit „You’re in the army now“ und so, ich meine halt diese Rockgruppe. Aber, ich bin nicht sicher. Halt weil das ist schon, na halt länger her und so. Und auf Wii 2 gibt’s da eben noch halt keine App und so. Deswegen, na ja. Ist ja egal und so. Ist halt anders. Ich hab da was gegen. Halt gegen gemein und so. Und gemein ist man halt immer zu den Opfern und so. Und zu sagen Gemeinsinn ist halt voll fiese. Weil, da gibt man ja halt den Opfern einen Sinn. Also halt, ich meine, daß das Sinn macht, gemein zu sein und so. Halt.“

Sprache ist Denken. Und wenn nicht nur die Jugend, sondern mittlerweile – Stichwort Infantilisierung der Gesellschaft – auch die nicht erwachsen werdenden, bzw. werden wollenden ‚Großen‘ ihre – zumeist ohnedies nicht vor Tiefsinn triefenden Ausflüsse – ständig mit „halt“ garnieren, dann ist das ein doppelplus klares Zeichen dafür, daß sie dabei sind, ihr Weiterkommen, ihre Weiterentwicklung zu bremsen, zu „halten“. Denn wie das eigene Denken die Sprache formt, formt die Sprache auch Denken und mithin die eigene Persönlichkeit des sie führenden.

Das ist eine Wechselwirkung, die mitnichten unterschätzt wird. Oh, wahrlich nicht.
Das Miniwahr und alle seine willigen Vollstrecker in den Medien, Bildungseinrichtungen und Schulbuchkommissionen wirken auf ihre Weise.

Ist halt so.

 

Grenzgang

Frische Nehrung, Ostpreußen im Juli 1989

War es mehr als ein Grenzgang,
hinterlassend nur Spuren im Sand der Düne,
auf ihrer ‚erzwungenen Wanderung‘ durch die Zeit?

Rüttelte ich wirklich an den Maschen des Drahtes,
das Land, mein Land zerreissend
mit rostig kaltem Schnitt?

Badete ich gar in den Fluten,
auch das verboten von den Räubern,
Rechts und Links des Zaunes?

Mir verboten nur, weil ich nicht auch Räuber
wie sie und frech, sondern frei,
hier, mit Haff und Nehrung und Schicksal im Rücken.

Die Spuren im Sand sind verweht,
der Zaun, er zerreist es noch,
das geschundene Land.

Was, nur was wollen jene mit Dir,
das Du die Ewigkeit rauschest,
was wollen Sie mit ihrem Zaun in Dir?

Nur weil Du so schön,
mißhandeln Sie Dich,
wie’s nur Niedertracht an hohem Mut vermag.

In Memoriam des Landes, das der Feind verboten und aufgelöst hat und in tiefer Trauer, daß wir es uns verbieten ließen, mit der schwefligen Wichse an der Zunge von den Stiefeln, die wir lecken.