Bedenkliche Schlüsse

Leserbrief Frankfurter Allgemeine Zeitung, erschienen in „Briefe an die Herausgeber“ am 02.02.2004, Nr. 27, S. 10

Bedenkliche Schlüsse

Zum Leserbrief „Nicht „ausgerastet“ (F.A.Z. vom 28. Januar): In dem Leserbrief sind die von Rainhart Raack gezogenen Schlüsse in mehreren Fällen bedenklich. Wenn ein Botschafter in erkennbar blinder Wut in einer Ausstellung randaliert, so ist die Bezeichnung „ausrasten“, wie sie der Verfasser der Glosse „Persona non grata“ (F.A.Z. vom 19. Januar) verwendete, vollkommen angebracht. Auch ein wohlkalkuliertes und geplantes Fehlverhalten in dieser Form ist so zu bezeichnen, wenn nach außen diese überlegte Provokation so erscheinen muß. Des weiteren bezeichnet Leser Raack Israel als die einzige Demokratie im Nahen Osten. Weiterlesen

Volksmusik hat etwas Anrüchiges

Leserbrief Frankfurter Allgemeine Zeitung, erschienen in „Briefe an die Herausgeber“ 04.06.2002, Nr. 126, S. 11

Volksmusik hat etwas Anrüchiges

Die Feststellungen in der Glosse „Ein Lied“ (F.A.Z. vom 29. Mai) möchte ich insoweit ergänzen, als es mit dem Bedauern der Abnahme der Gesangsfähigkeiten gerade von Kindern und Jugendlichen solange nicht getan ist, wie nicht gleichzeitig eingehender nach den Ursachen gefragt wird. Das deutsche Volksliedgut ist in seinem Charakter so breit gefächert und vielschichtig, daß der Verlust durchaus zu beklagen wäre. Und ein Verlust stellt sich spätestens dann ein, wenn dieser – in der ganzen Welt noch heute als typisch deutsch berühmte – Teil der deutschen Kultur nicht gelebt wird. Weiterlesen

„Über die Lernfähigkeit eines Volkes“ – aus der Schülerzeitung MONOKEL

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Die Mauer in Palästina
Bildquelle: S.v.Gehren / pixelio.de

Habt ihr es gehört? Das siebenjährige Mädchen, das mit einem letzten Schrei zu Boden fiel, als ein israelischer Soldat die „Aufrührerin“ mit seinem Schnellfeuergewehr niederstreckte? Ihr habt es nicht gehört?! Auch nicht den Schrei eines Volkes, das unterdrückt, vertrieben und durch Raub seiner Lebensgrundlage bald vernichtet wird?

… Doch, wer tut so etwas widerwärtiges?
Sehr, sehr lernfähige Menschen.

1938. Die Pogromnacht ist vorbei. Überall im Reich schwelen die Überreste der zerstörten Synagogen. Bald werden die, denen das Pogrom galt, besondere Zeichen tragen; auf dem Arm oder auf der Brust einen gelben Davidstern, im Ausweis ein J.
Wer nicht durch Flucht sein Heim und oft geliebtes Vaterland verlassen muß, kommt in besondere Lager. Viele, viele sterben dort. Sie verschwinden fast ganz aus Europa.

Doch jene, die ins Exil gegangen waren oder der Vernichtung entgangen und befreit worden waren, schufen sich mit Hilfe ihrer mächtigen Freunde in den USA einen eigenen Staat; dort, wo sie dereinst in alle Welt verstreut, vertrieben worden waren. Die Diaspora schien, scheint endlich ein Ende gefunden zu haben.

Jene Ereignisse liegen nun weit über 40 Jahre zurück. Wir, die wir das Tagebuch der Anne Frank gelesen haben, wissen wenig über das, was damals geschah. Wie denn auch? Wir selbst waren noch nicht am Leben und unsere Eltern und Großeltern wußten kaum mehr. Und heute? Was wir von dem damals geschehenen Unrecht wissen, wissen wir aus den Medien…

… Ob das Palästinensermädchen ein Tagebuch geführt hat?

Die israelische Armee wird nach Ausbildungsplänen der SS-VT / Waffen-SS ausgebildet. In den von Israel besetzten Gebieten müssen Palästinenser Kennkarten (aber keine gelben) tragen (…). In vielen Gebieten sind Lager für Palästinenser errichtet worden, wo diese darauf warten, in die Wüste geschickt zu werden, denn für sie ist kein Platz im Großisraelischen Reich!

… Ob das Mädchen Geschwister hatte?

Und wir? Wir hören das Kind nicht, hören das Volk nicht, das, seiner Freiheit und Heimat beraubt, nicht anders kann als kämpfen.

… Der Bruder schreit auf, als er die kleine Schwester fallen sieht und stürzt auf den bewaffneten Mörder zu. Auch er bricht mit einer Kugel im Bauch zusammen… Tja, selbst Schuld. Es war Ausgangssperre!
… Schuld?

Damals wurden sie befreit aus den Armen der mörderischen Nazis. Wie schuldig sind wir, die wir Deutsche sind? Je länger wir zusehen, wie ein Volk ein anderes liquidiert, desto mehr Schuld laden wir auf uns. Werfen wir unseren Großeltern vor, damals die Augen zugemacht zu haben, tun wir es heute.

… Als der kleine Bruder des Mädchens stirbt, blickt er stumm, im eigenen Blut liegend, zum Himmel…. Weit oben fliegt ein Flugzeug. In ihm sitzen jugendliche Deutsche aus Hamburg. Sie fliegen nach Israel, um dort in den Plantagen zu arbeiten…
Er denkt: „Über den Wolken, muß die Freiheit wohl grenzenlos sein“… Müde schließt der Junge die Augen… Seine Familie, sein Volk stirbt.

Wir hören und sehen nichts.

 

Hintergrund | Nachbemerkung am 3.3.2013
Diesen Text habe ich für unsere Schülerzeitung „Monokel“ im Frühsommer 1989 verfaßt. Ich besuchte zu der Zeit die 12. Klasse (S2) einer Oberschule in Hamburg (Sonderform, die nur von der 11. bis zur 13. Klasse ging).
Es war die Zeit der ersten Intifada, dem ‚Krieg der Steine‘. Mein Lehrer im Fach Philosophie machte seit vielen Jahren Projektfahrten nach Israel, wo Tutanden u.a. in Kibbuzim arbeiteten. Es war die Zeit, in der gegen Israels engen Verbündeten, der Republik Südafrika, regelmäßig demonstriert und zum Boykott aufgerufen wurde. Ich konnte und wollte das nicht verstehen – und verfaßte diesen Artikel.
Ich erinnere noch heute genau den Tag, an dem diese Monokelausgabe erschienen war. Ich hatte Unterricht bei dem besagten Lehrer. Ungewöhlich früh saßen alle an ihren Plätzen und es war totenstill im Raum, BEVOR der Lehrer den Raum betrat. Dumpf fühlten die Schüler, daß die Reaktion zwangsläufig war.
Er setzte sich an seinen Pult und stierte stumm auf die Holzfläche vor ihm. Schließlich blickte er auf und sah mich lange und eiskalt-feindlich an. Spätestens jetzt wußte ich, daß ich nicht den leichten Weg zum Abitur gewählt hatte (ich ahnte es schon vordem). Dann brüllte mich dieser Mann an. Der Philosoph, der uns das Höhlengleichnis, Descartes und die schöne weite Welt der Philanthropie, Wahrheitsliebe und Gedankenfreiheit vermitteln wollte.
„Arne, wer hat diesen Artikel geschrieben?!“
„Ich, Herr B.“
„Ich will wissen wer, diesen Artikel geschrieben hat!!!“
„ICH! Und niemand sonst!“
„Das ist Demagogie!!!“
Ich hatte an ein Sakrileg gerührt. Seither spürte ich es jeden Tag. Die beiden Herausgeber der Schülerzeitung (ein JU’ler und ein DKP-Sympathisant; Zweiterer ein guter Schulkamerad seit der Grundschule und überaus feiner Kerl) sprachen mich einige Wochen später an und erzählten mir, daß jemand vom LfV Hamburg – liebe Grüße Herr Uhrlau – angerufen habe und sich erkundigte „was ich denn so für einer bin“.
Das und das Folgende hat mich geprägt.

Aber das Leiden der Palästinenser ist geblieben. Die Lernfähigkeit seiner Suppressoren auch.

Quelle des Artikelbildes: Jörg Klemme, Hamburg  / pixelio.de

Tageszeitung

Der Gemeinschaftkundelehrer S. betritt vorzeitig den Klassenraum. Der Oberschüler (S3) Arne F. liest noch seine Tageszeitung.
Der Studienrat schlendert an den Tisch, spricht den in die Lektüre vertieften Schüler an: „Von gestern?“ Verwirrt schaut Arne auf. „Nein. Die FAZ. Von heute.“ Verschmitzt lächelt S.: „Sag ich doch. Von gestern.“
Es sind diese pfiffigen Bemerkungen, der stichelige Humor der Lehrer, die den Pennäler nur mehr bestärkten. Doch  sie halfen ihm auch, den Standpunkt zu vertreten lernen, auf die andere Position neugierig zu sein. Heute, reichliche 25 Jahre später, ist schon lange zu echtem Bewußtsein geworden, daß es kluge Lehrerinnen und Lehrer waren. Und auch immer Menschen.
(Foto: New York, 1987 . Gekauft in Yorkville in einem kleinen, schmuddeligen Zeitungsladen)