Die Dialektik Des Umgangs: Dietmar Bartsch Und Bernd Lucke Diskutieren Bei Phoenix

Der stellvertretende Fraktionsvorsitzende von DIE LINKE, Dietmar Bartsch stellte von Anfang an klar, warum er so entspannt in die Diskussion mit Professor Bernd Lucke von der Alterntive für Deutschland geht: Er sieht die AfD als eine Absplitterung im konservativen Lager. Je stärker sie ist, desto schwächer CDU/CSU/FDP.
Das ist pfiffig und legitim. Dialektisch eben.

In der Phoenix-Diskussion, aus der montäglichen Reihe Unter den Linden, war das Thema “Für wen retten wir den Euro?”
Wer die Reihe kennt weiß, daß die dortigen Diskussionen meist zu einem reinen Schlagabtausch der verfestigten Positionen zweier gegenüberstehender politischer Lager degenerieren. Das bringt keinen besonderen Erkenntniswert, auf welchen es den in der Regel eingeladenen Politprofis sicher auch nicht ankommt. Warum auch ausgerechnet hier und sonst nirgends?

Ganz anders aber der Verlauf dieses Gespräches. Selbst die Moderatorin Michaela Kolster schien zunächst überrascht über die ausgezeichnete Gesprächskultur, genoß dann aber augenscheinlich den Austausch der Diskutanten in weitgehender, eigener Zurücknahme und durch interessiertes Zuhören.

Dietmar Bartsch, der regelmäßig durch guten Diskussionsstil, und sinnvolles Eingehen auf die Argumente des Gegenüber, auffällt – durchaus aber auch ein harter Knochen sein kann, wenn’s ans Eingemachte geht – zeigte sich auch in diesem Gespräch von seiner besten Seite. Klare Standpunkte vertretend, aber auch eingehend auf die Feststellungen Luckes. Die üblichen, platten Unterstellungen fielen fast völlig aus. Hin und wieder schien Bartsch sogar nachdenklich gemacht, durch Inhalte in Luckes Darlegungen.
Natürlich gab es hier und da eine Spitze, aber an keiner Stelle wirklich unfair. Man hatte vielmehr den Eindruck, Bartsch ging es darum, aufzuzeigen, daß die Schlüsse, die ein LINKER aus der Krise zieht, die soziale, solidarische Komponente in den Vordergrund stellt. In der Analyse, das sicherten sich beide, Lucke und Bartsch, mehrfach zu, läge man indessen oft nicht weit auseinander.

Lucke war indessen forscher, angriffslustiger. Sicher fehlt ihm die Gelassenheit eines so “alten Hasen” wie Bartsch es ist. Aber man verspürt auch den lastenden Rechtfertigungsdruck, durch die unfaire, häufig verleumderische Berichterstattung  und der entsprechenden Anwürfe des politischen Gegners. Vielleicht versucht er auch dem Image des allzu braven Wissenschaftlers entgegenzuwirken. In dieser Diskussion schien es unnötig und die wohl einzige Schwäche in Luckes Diskussionsstil.
Inhaltlich konnte Lucke wie immer mit seiner wissenschaftlichen Kompetenz, klaren Sprache – und vor allem seine Fähigkeit, auch komplexe Zusammenhänge in verständliche Sätze zu fassen – brillieren.

Daß Lucke keine Absplitterung des “konservativen” Lagers, bitte zu verstehen im Sinne von CDU/CSU/FDP Troika, vertritt, läßt sich aber angenehm daran feststellen, daß er wiederum seinerseits nicht in die üblichen, reflexartigen Plattitüden verfällt, wenn er einem Linken gegenübersitzt.

Diese Haltung ist auch eine Alternative. Eine gute Alternative, wenn der politische Diskurs nicht auf dem Niveau des Abnickmodus’ der Systemparteien im Bundestag versauern soll.

Dem Verfasser war diese Diskussion eine Wohltat, aus der er weniger Inhaltliches, als die Hoffnung mitgenommen hat, daß DIE LINKE im Ganzen Gelassenheit und auch dieses augenscheinliche Interesse am Diskurs wiederbelebt, pflegt und hegt. Es kann keinesfalls schaden, wenn so bei der AfD Synapsen für mehr soziale und solidarische Komponenten in der politischen Aussage geschaffen werden.
Denn – ganz dialektisch betrachtet – dies zöge zweifellos deutlich mehr Stimmen aus dem CDU/CSU/FDP-Verbund ab, diesen mithin ordentlich schwächend. Stimmen von Bürgern, die sicherlich vom Neoliberalismus vorgenannter abgestoßen werden, die aber nie bei der LINKEN landeten.

Und – idealistisch, nicht materialistisch betrachtet (den Versuch wär’s ja vielleicht mal wert) – es kann ja nicht schaden, wenn man einer konservativen Bewegung den Wohlfahrtsgedanken in die Wiege legt, daß Breitenbildung und breiter Wohlstand auch der eigenen, vorwiegend mittelständisch-bourgeoisen Klientel auf lange Sicht zu Gute kommt. Oder?

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