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“Die Marionette Töten” | EGO Von Frank Schirrmacher. Eine Rezension.

“Zur Vereinfachung einer überkomplexen Welt und zur Beschleunigung des Geschäftsverkehrs ist hinter den Kulissen unseres Lebens ein Modell aufgetaucht, das unser Leben nachhaltig verändert.
Man kann sich, so lehrt dieses Modell, das Leben sehr viel einfacher und einträglicher machen, wenn man unterstellt, dass jeder Mensch ausschließlich an sich und seinen Vorteil denkt.”  (F. Schirrmacher, Ego)

Frank Schirrmacher, einer der fünf Herausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und gesamtverantwortlich  für dessen Feuilleton, hat wieder ein beachtenswertes Buch veröffentlicht:
EGO -Das Spiel des Lebens.
In dieser Fundamentalanalyse setzt sich Schirrmacher mit den Wurzeln, der Denkart und deren Auswirkungen der Spieltheorie auseinander. Oder besser gesagt, mit EGO wird erstmals analysiert, welche Meilensteine und Denkmodelle zu Datenkraken wie Facebook, Google und Apple führten und wie weitgehend das Einfluß – in rasantem Fortschreiten – auf das Zusammenleben, das Zusammenspiel der Menschen und ihren Gesellschaften hat.

Schon das Unterfangen, sich in dieser Tiefe und dem erkennbar entschlossenen Willen dem Thema zu widmen, mag erstaunen. Immerhin gilt die F.A.Z., deren einer Herausgeber Frank Schirrmacher immerhin ist, als Leuchtturm der konservativen Presse und sie konnte durchaus immer als wirtschaftsnah bezeichnet werden. Doch ist es vielleicht gerade die – vor dem Eindruck der intellektuell herausfordernden Interpretationen Schirrmachers profan anmutende – Erkenntnis, daß die Finanzwirtschaft und die Realwirtschaft sich in den letzten zwei, drei Jahrzehnten nicht nur entfremdet haben, sondern geradewegs in Kontrapositionen gelangt sind und mithin das konservative Umfeld zu solcherart Nachdenklichkeit bewegt.

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Aller Anfang war (und ist) für Schirrmacher der Moment, als Maschinen entwickelt wurden, die den Menschen ersetzten. Zunächst vielleicht seine Arbeitskraft, später aber auch spielerischer in der Auffassung. Waren es zunächst mechanische Figuren, die gleichsam in großen Spieluhren eingebaut, tanzten oder Musikinstrumente spielten, so wurden es später Mensch-Maschinen-Chimären in der Grusel- und Science-Fiction-Literatur, an denen der fortschrittsgläubige Mensch eine mögliche Variation des Neuen Menschen erkennen wollte.

In Wahrheit aber ging es um etwas ganz anderes: Die neugierigen Menschen, die die Automaten ahnungslos anstarrten, wurden zu Versuchstieren eines sozialen Experiments. Durch ihre Inspektion sollten sie selbst zum Teil der Maschine werden. Die Maschine war wunderbar; und sie war eine Bedrohung. Wunderbar, denn in den Augen der Zeitgenossen atmete dieses künstliche Leben die Magie der Alchemisten und das Genie der modernen Ingenieure. Eine Bedrohung, denn sie waren Erfüllungsgehilfen einer politischen Idee: die Menschen selbst zu Automaten zu machen. (Ego)

Dieses Zitat stammt aus dem Kapitel Android. Mit keinem Wort erwähnt Schirrmacher, daß ausgerechnet das Betriebssystem, welches Geräte betreibt, die fortwährend Daten unserer 2. Identität liefert  – und in kongenialer Wechselwirkung erzeugt – den gleichen Namen trägt. Doch man darf ahnen, daß Schirrmacher diese selbstreflektive Erkenntnis des Lesers durchaus kollateral protegiert.

Doch zurück zu den Anfängen: All das wurde bald im Zeitalter der Arbeitsrationalisierung und des Taylorismus als Modell für die neue Gesellschaft im 20. Jahrhundert gebraucht: die Umrechnung von immer wiederkehrenden Mikrobewegungen, wie das Heben eines Armes oder das Strecken der Finger, in physikalische Formeln von Kraft und Effizienz. Doch noch bestand der Arbeiter aus Muskeln, Knochen, Händen, Armen und Beinen. Während der gesamten industriellen Revolution bis weit ins 20. Jahrhundert war sein mentaler Rückzugsort, dass er zwar seine physische Kraft, nicht aber seine Seele verkaufte. (…)

Noch einhundert Jahre währte in Europa der Siegeszug der Spielzeug-Kreaturen.  (…)  Als die künstliche Spezies von der Weltbühne der Fantasie abtrat, waren die großen Nationen von Maschinen bevölkert, die selbstständig handeln und sich selbst regulieren konnten. Sie wirkten wie eine Mutation der fragilen Automaten; und sie wurden nicht mehr händeklatschend und mit Jahrmarktsfreude begrüßt, sondern mit Ehrfurcht oder Angst. 
(Ego)

Der nächste, entscheidende Meilenstein auf dem Weg zur Schaffung des vollendeten Homo Oeconomicus, also einer – zunächst – digitalen Identität, deren Definition die Abwesenheit jeden Altruismus’ und reines Egomanentum ist, war, als im frühen kalten Krieg die Spieltheorie dahingehend ausgeweitet wurde, daß sie für die Interpretation des Verhaltens des Gegners (die Sowjetunion) anwendbar gemacht wurde. Mathematisch anwendbar. Eine große Rolle spielte hier die Rand Corporation und im speziellen die sogenannte Nash-Lösung.
Nash kategorisierte Verhalten und Reaktionen auf wahrgenommenes Verhalten. Diese Kategorisierung setzte ausschließliche Rationalität und den absoluten Egoismus des Menschen voraus. Axiomatisch. Zur grundelegenden, Voraussetzung der Nash-Lösung gehört auch, daß Altruismus und Irrationalität in ihr als “irrelevante Alternativen” definiert sind und mithin im Algorithmus keine Rolle spielen.
Der Algoritmus ist aber die Funktion, welche die aufgenommenen Informationen kategorisiert und ordnet – um sie mathematisch les- und vor allem berechenbar zu machen.
Und unter der Rechnung hätten im Kalten Krieg Atomtod oder fortdauern des kalten Friedens gestanden.

Das Ziel jedoch war: die Seele … mathematisch zu berechnen. Nicht nur Menschen sollten Maschinen bedienen, sondern die Maschinen sollten lernen, Menschen zu bedienen. Deshalb mussten Menschen lernen, sich maschinenlesbar zu verhalten. … erstmals wurden maschinell nicht nur Bewegungen oder Zeitmanagement erfasst, sondern auch »Wertvorstellungen« und Gefühle von Menschen.
  (Ego)

Zu diesem Zwecke erhielt das, was in der Theorie der Homo Oeconomicus war, eine digitalen Identität.  Schirrmacher nennt diese die “Nummer 2″.

Mit dem Verhalten, den Äußerungen, ja dem Ausdruck von Gefühlen des Einzelnen und von Gruppen wurden die Rechenmaschinen gefüttert, und mithilfe der Algorithmen die Gemengelage als Ganzes “verstanden”. Und hier sind wir beim Kern der Analyse des Autors:

Seit Jahrhunderten hatten Leute herausfinden wollen, wie der Mensch tickt, und sie alle, ob Wahrsager, Philosophen, Psychologen, waren letztlich gescheitert. Wie sollten ausgerechnet Ökonomen die menschliche Unberechenbarkeit auf eine Formel bringen können?

Ihre zündende Idee: Sie fragten nicht mehr, wie der Mensch tickt. Sie fragten, wie der Mensch ticken müsste, damit ihre Formeln funktionierten. Und die Antwort lag auf der Hand: Alle Probleme mit dem Unsicherheitsfaktor »Mensch« lösen sich in Wohlgefallen auf, wenn man zwingend annimmt, dass er bei dem, was er denkt und tut, immer nur an seinen eigenen Vorteil denkt. Diese Theorie hatte den Vorteil, dass sie immer funktionierte und alles berechenbar machte. (...)  Denn nur, wenn man als Prämisse akzeptiert, dass jeder nur aus Eigennutz handelt, kann man die ganze Komplexität menschlichen Verhaltens in die Sprache der Mathematik übersetzen.  (Ego)

Zwischendurch hatten sich die Datenbanken weiterentwickelt. Sie mußten längst nicht  mehr in der Weise mühsam gespeist werden, wie in den 50er und 60er Jahren. Längst hatte man die Maschinen gelehrt, die Daten vollautomatisch zu sammeln und ebenso autonom die programmierten Schlüsse zu ziehen. Aber noch ging es primär ums militärische. Auch wenn es mehr und mehr zivile Daten waren, die für den militärisch-industriellen Komplex deutend herangezogen wurden.

wargamesDer nächste große Meilenstein war der Zerfall des Ostblocks und das Ende des symmetrischen Kalten Krieges. Plötzlich saßen tausende Spezialisten der Spieltheorie und ihrer Anwender, auf der Straße.
Oder sollte man besser sagen: Ein Heer von Spezialisten war frei geworden, um an anderer Stelle gewinnbringend eingesetzt zu werden.
Zumindest kam es so: Vom Programmierer bis hin zu den Systemtheoretikern in den Think Tanks: begierig saugte die Finanzwirtschaft sie und ihre Expertise auf. Nicht von ungefähr veränderte sich der Finanzsektor in den 90er Jahren, und dann natürlich im ersten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts strukturell vollständig.

Womit wir heute zu tun haben, ist nicht das Werk einiger egoistischer Hedgefonds-Manager oder gieriger Investmentbanker. Sie sind nur ein Symptom. Damals, in der Kälte des Wettrüstens und nicht erst in den ökonomischen Krisen des 21. Jahrhunderts, ist etwas entfesselt worden, dessen Karriere erst nach dem Ende des Kalten Krieges wirklich begann.  (Ego)

Der vorerst letzte große Meilenstein ist wohl der Siegeszug der Social Media. Google, Facebook, Apple und Co. zählen heute zu den wertvollsten (und reichsten!) Unternehmen der Welt. Wobei ihr Wert – vordergründig unsinniger Weise – in keinem echten Verhältnis zu Umsatz, Mitarbeiterzahl oder materiellem Anlage- oder gar Umlaufvermögen steht.
Anscheinend ist ihre pure Existenz, bzw. ihr Wirken dem Markt soviel Wert, daß er sich völlig loslöst, was ihm sonst in seinen Rating-Katechismen geradezu heilig ist.

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In der Spieltheorie dieses Jahrzehnts spielen wir bereits alle mit und liefern die Daten frei Haus und unmittelbar eingepflegt von uns(eren) Androiden in die relevanten Datenbanken.

Schon lange nutzen Hedgefonds gekaufte Schnittstellen zu Facebook und Twitter. Aus den Postings wird mittels der Algorithmen der Spieltheorie – z.B. anhand von Schlüsselwörtern wie schönes Wetter, Krieg, Liebe, Hunger, Brot, Spiele – herausgelesen, wie die Stimmung so ist und danach das Anlageverhalten an den Börsen und anderswo ausgerichtet. Ja, das gesamte Internet wird durchforstet, jeder Blog, jeder Kommentar. Wohl auch jede Email.
Mit Google Maps erzählen wir, wie gern und schnell wir wohin unterwegs sind. Bei schönem Wetter. Wenn Fußball im Fernsehen läuft – oder wenn eine große Demonstration gegen die Einschränkung der Freiheit angesagt ist. Wir erzählen auch, welchen Weg wir nehmen und mit wem wir uns mit den verschiedenen Apps verabredet haben, dorthin zu gehen. Wir erzählen Google, als Android via What’s App, wie schnell wir nach der Benachrichtigung des Eingangs einer Nachricht nach dem Smartphone greifen und die Nachricht lesen. Und Google weiß auch, was wir schreiben. Ja, es liest mit und schlägt uns passende Wörter zur – aus Googlesicht – sinngebenden Ergänzung  der Wortfolge vor.
Die Nummer 2, wie sie Schirrmacher nennt, verschmilzt mit ihrem Android, Mac OS oder Win 8. Application oder Appetizer, die Apps sind umso genialer, je mehr Daten sie über uns sammeln und nicht im Gerät belassen. Und je mehr Daten wir preisgeben, desto billiger werden diese Apsps. Vordergründig. Denn nichts ist umsonst – der Anwender zahlt mit seinen Daten. Zunächst. Der Endpreis steht nämlich noch nicht fest.

Und so bizarr es manchem heute noch vorkommen wird, eine der Grundfragen unserer Zukunft wird sein, wozu wir die Maschinen erziehen, ehe sie nicht nur in automatisierten Finanzmärkten, sondern auf allen Gebieten so erwachsen geworden sind, dass sie selbst uns erziehen. … In einer Welt, in der jeder vernünftig ist, der auf seine Interessen reduziert werden kann, und alle Daten, die er hinterlässt, daraufhin gelesen werden, steht auch jeder potenziell unter Verdacht. In dieser Welt könnte Vertrauen ein Luxusgut werden, das man sich beispielsweise auf sozialen Netzwerken gleichsam »erschreibt« und mit dem die Maschinen gefüttert werden: »Werte« hätten dann tatsächlich nur noch den Wert von Geld.  (Ego)

Frank Schirrmacher würde es wohl nicht so sehen, aber der Verfasser kommt nicht umhin, bei der Lektüre des Buches EGO – Das Spiel des Lebens einen tiefgreifenden Kulturpessimismus zu konstatieren. Denn was anderes ist es, als dezidiert aufzuzeigen, daß die westliche Welt seit reichlich zweihundert Jahren schrittweise, aber bestimmt ihrer Menschlichkeit beraubt und ihre Bürger zu einem erst kalkulierbaren und letztlich kalkulierten “sozialen Insekt” gemacht werden.

Doch Schirrmacher beläßt es nicht bei der Akzeptanz eines angeblich Unvermeidlichen. Seine wichtigste und vielleicht zugleich tröstlichste Feststellung ist, daß die Grundannahme der Spieltheoretiker falsch ist: Der Mensch ist eben kein ausschließlich auf den eigenen Vorteil bedachtes Wesen. Und wenn eine Grundannahme nicht stimmt, wird auch das aus ihr entstehende System nie funktional vollendet sein, sondern den Homunculus schaffen.

“Natürlichem genügt das Weltall kaum; was künstlich ist, verlangt geschloßnen Raum.”
(Faust 2, J.W.v.Goethe)

Das letzte Kapitel ist mit einem Aufruf betitelt: Ego – Die Marionette töten.
Frank Schirrmacher fordert keineswegs die Abwendung, die Abkehr vom Internet. Ganz im Gegenteil. Allerdings gehört für ihn das Heft in die Hand des Nutzers, nicht ihn die seiner Benutzer. Und mit dem Heft in der Hand durchschneidet die scharfe Klinge des Ego – Band für Band – die Fäden, die den Nutzer zum Benutzten, zur Marionette macht.

Vielleicht ist es ganz einfach: nicht mitspielen. Jedenfalls nicht nach den Regeln, die Nummer 2 uns aufzwingt. Es ist eine Entscheidung, die nur der Einzelne treffen kann – und die Politik. Die Chancen in Deutschland stehen gut, weil es die Realwirtschaft ist, die immer noch der Motor seines Wohlstands ist. Fast scheint es, als ob das Land, das der Geburtsort des Idealismus war, nun mit einem neuen Realismus ein Gegengewicht bilden könnte zu der »Ökonomie des Geistes«.
Die Antworten sind im ersten Schritt sehr pragmatisch: Sie reichen zum Beispiel vom Aufbau europäischer Suchmaschinen über eine Neudefinition und Umbenennung von »Datenschutz« bis zu Fragen hinsichtlich Eingriffen in das Erbgut des Menschen.  (Ego)

Fazit: Pflichtlektüre!

[hr]
Frank Schirrmacher: EGO – Spiel des Lebens, erschienen im Blessing Verlag

Gebundenes Buch mit Schutzumschlag, 352 Seiten,13,5 x 21,5 cm
ISBN: 978-3-89667-427-2

Der Verfasser der Rezension hat EGO außerdem als Hörbuch (gelesen von Frank Schirrmacher) und als eBook verwendet. Das Hörbuch ist eine gute Alternative für solche, die z.B. viel unterwegs sind. Leider sind hier viele Kürzungen vorgenommen wurden.

Bildquellen:
Spieluhr mit Krippenszenerie
Bildquelle: moni.sertel / pixelio.de

iPhone-Generationen
Harald Wanetschka / pixelio.de

 

 

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