Bildquelle: uschi dreiucker / pixelio.de

Jutta Ditfurth, ein Apfel und der Stammbaum

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“Mich dünkt, die Alte redet im Fieber.” (Goethe, Faust I)
Dieser Wochen stehen die Apfelbäume in voller Blüte, Flur und Land stehen in frischem Grün, Blüten bieten lebenslustvoll ihren Kelch den wenig gewordenen, emsigen Bienen und mannigfaltig anderem Insekt zur Befruchtung und Verbreitung.
So ist die Natur und mit ihr der Mensch. Die Ostertage sind auch ihrer Fruchtbarkeit Fest, und Meister Lampe hoppelt, hier und da mümmelnd, über die Felder. Ewiges Symbol des Erneuerungsdranges der Schöpfung.
Damit Neues entstehen kann, muß Altes vergehen, muß weichen. Doch auch in seinem Vergang kann das Alte dem Neuen dienen, den Grund befruchten, aus dem junges, frisches Leben keimt.
In der ewigen Erneuerung ist der Staffelstab der nächsten Generation ein anderer. Und doch, sein Holz trägt das Gedächtnis von ewiger Vergangenheit und die Hoffnung von Äonen lebensfroher Zukunft.
Während also das Leben im Frühling erwacht und sich jauchzend bejat, plant der Tod an kalten Tischen unter Neon- oder Quecksilberröhren das Verderben. Es wird offen von Krieg, Truppenverschiebungen zu Lande, zu Wasser und in der Luft geredet, von Strafen und Exempeln. Es ist kein neuer Geist, es ist der faulige Odem des Fliegengottes, im Stande(!), immer wieder dienstbare Helfer zu finden, die –
“frühalt, fahl und bleich, haß’ ich die Frohen, freue mich nie” (Hagen in Götterdämmerung, R. Wagner) –
eilfertig und als willige Vollstrecker den Krieg der Propaganda und des kalten Metalls heißhungrig vorbereiten und exekutieren.
Und diesen Propagandisten war auch immer eine Meisterschaft darin gegeben, die Gegner ihres(!) Krieges zu stigmatisieren oder gleich auszurotten. Die Propagandisten waren oder dienten den Herren des Landes, einer Klasse, die sich dünkelhaft und selbstgerecht gebierte, deren Selbstdefinition und -berechtigung zur geistigen und materiellen Ausbeutung von Volk und Land immer mit Ausgrenzung verbunden sein mußte, sollte die Herrschaft auf festem Fundament stehen.
Gegen wen man sich abgrenzte, war dabei eigentlich im Kern völlig egal. Der Zweck war das Mittel, Ziel immer der Schwächere. Klar.
Ausgrenzung, Diffamierung, Hetze dienten der Sammlung um die eigene blut(ige) Fahne. Wichtig war immer nur, daß es ausreichend willige Vollstrecker gab. Charaktere, denen das Piesacken der Schwächeren schon auf dem Schulhof eine Freude war. Die, die meist klatschend im Kreise standen, den Stärkeren anzufeuern, sich an den Tränen und der Angst des Schwächeren labend.
Ziel dieser Haßwucherungen konnten kräuterkundige Frauen, rastlose Böhmer oder Brunnenvergifter sein. Brunnenvergifter…
Jahrhundertelang waren weite Teile des europäischen Adels antijüdisch. Nicht immer offen, denn sie brauchten den Reichtum und den Geldverleih reicher Juden, später ihre Industrien und Medien. Jene Bereiche, in die sie Ausgrenzung und Feindschaft der Umwelt, die keine Mitwelt sein durfte – weil Geistlichkeit und Laienherrschaft einen unseligen Bund der Herrschaft durch Ausgrenzung eingegangen waren – gedrängt und in denen sie Fleiß, Tüchtigkeit und Bildungshunger wirtschaftlich mächtig gemacht hatten. Nicht alle. Aber einige. Und diese Einigen wurden gebraucht, mißbraucht. Zur Finanzierung ihrer Kriege, ihrer Unterdrückung der Welt.
Der europäische Adel war antijüdisch und es war ihm nur recht und billig, wenn Juden nicht zu selbstbewußt sein konnten. Das hätte die Zinsen getrieben und manchmal sogar eine ehrliche Rückzahlung notwendig gemacht. Das ging aber nicht, denn nicht immer waren ihre Kriege erfolgreich, der dekandente Lebensstil teuer und viele Nachkommen auch schlichtweg zu vertrottelt, um erfolgreich zu wirtschaften.
Es ging also nur mit anhaltender Ausbeutung durch Ausgrenzung, Abhängigmachung und Krieg.
Nicht die Hochfinanz oder Industriekapitäne haben Europa in den Ersten Weltkrieg geführt, sondern die europäischen Adelshäuser. Denn sie waren die “Führer”. Das sie sich vorher haben abhängig machen, erleichtert nicht, es erhöht ihre Schuld. Denn zu führen heißt, zu verantworten.
Der europäische Adel hat immer einen großen Blutzoll geleistet in seinen Kriegen. Auf dem Feld der Ehre, mit fauligem Wundbrand unterm Feldscheer oder fiebrig in den Malariasümpfen Norditaliens siechend sind sie geblieben: Nicht die Schlechtesten, denn sie verantworteten sich und ihre Familien mit ihrem höchsten Gut (nach oder vor der Ehre sei dahingestellt): Ihrem Leben.
Zurück blieben ihre Feigsten, die Vertrottelten oder Unentbehrlichen (Kraft selbstherrlicher Erklärung).
Zurück blieb die Ausgrenzung: Mohren, Mauren, Meschugge. Immer drauf.
Man hätte hoffen können, nach den Kriegen und furchbaren Säuberungen wäre diese Saat des Haders und Unheils vergangen, ohne Früchte zu schlagen. Doch der Schoß scheint fruchtbar noch und so konnte Frau Jutta Ditfurth dieser Tage erneut den Beweis antreten:
Ihre Brunnenvergifter sind heute die Antisemiten. Wer Kriegsherrlichkeit, Machtgefüge und Entwicklungen kritisierte, sähe eine “jüdische Weltverschörung”, die dahinter stecke. Das ist das Fundament ihrer Hetze. Auf Sand gebaut zwar, aber in guter alter Tradition. Hinzu kommt noch ein gewisser Wahn, die Abkunft und Sozialisierung als Schuld empfinden zu müssen. Als Teil der Schuldbewältigung meint sie, eine Art Vorwärtsverteidigung anstreben zu müssen und alles, was ihr dabei hilft, als antisemitisch zu sehen.
Aber das Volk gehört nicht mehr dem Adelsstand und darf weder zur Führung von heißen Kriegen, noch für die Selbsttherapie herangezogen und mißbraucht werden. Auch wenn aus Sicht der sogenannten Herren das Volk wie Kinder ist und sich der Eine oder die Andere zum Mißbrauch eingeladen fühlt: Die Menschen sind von Geburt frei. Sie wollen keinen Krieg. Schon garnicht für anderer Leute Seelenfrieden aus gestilltem Blutdurst – oder weil sie schlicht einen an der Marmel haben.
Es ist eine anmaßend, dünkelhaft-maßlose Frechheit, die Artikulation von Kriegsangst und Friedenswillen als antisemitisch zu diffamieren. Und es ist so unendlich durchschaubar.

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