Von Rokokoschranzen, ESM-Gouvernanten und dem Roten Hahn

Es ist schwer, diese Zeit aus der Distanz zu betrachten. Zu zahlreich die Eindrücke, verworren die Zusammenhänge. Sinne und Geist, und schon gar das Bauchgefühl werden ganz von allem, was da auf einen einstürmt, gefangen genommen. Und wer hat schon Zeit, wie Goethe eine Italienische Reise anzutreten oder wie Wagner einfach mal einen ausgedehnten Spaziergang von Dresden nach Prag zu unternehmen, um zu sich zu kommen. Und doch: Beide waren sie dabei. Der eine in Valmy, der andere auf einer 48er Barrikade.

Dem – zugegeben befangenen – Betrachter kam bei einem Müßiggang im frühlingshaften, noch weitgehend kargen Wald, bei frischem Jubilieren der lenzingtollen Vöglein, der Gedanke, daß wir in einer Zeit leben, die dem Vormärz, vielleicht aber noch mehr dem späten Barock ähnelt.
Insbesondere die westliche Welt ist zunehmend von Figuren regiert, die ein restlos losgelöstes Tingeltangel vollführen. Wie zu Louis XIV Zeiten nach Versailles, strebt in Deutschen Landen alles nach Berlin. Statt Puder in die Haare zu schütten, wird die Stimme gekalkt. Mit Parfüm wird nicht der eigene, ungewaschene Gestank am Hofe, sondern der Harngeruch der Angst in Mieder und Büchs, das Pippi in den Augen als die Krokodilstränen angesichts der Nöte des Volkes, übertüncht. Oder sind es hämische Lachtränen, zynische Freudentränen? Letztlich einfach nur Koks in die Augen gekriegt?

Spiegelein, spieglein an der Wand,
nein, auf dem Tisch,
roll den Euro, er ist nur Tand,
Meineid ich in die Nase zisch.

Doch während sich diese weitgehend abgeschotteten, verkommen-dekadenten Vertreter eines Neuadels in ihren zu engen Schühchen – „Rucke di guh, rucke di guh, Blut ist im Schuh! – auf dem Vulkan tanzen, passiert in den Arenen der Ablenkung, dem Zauberbesen Socialmedia, etwas ganz anderes: Da brodelt’s.
Obwohl diese Instrumente, panem et facebook, wenn nicht dazu geschaffen, doch prächtig geeignet und genutzt sind, gerade dieses Brodeln zu überwachen, analysieren, kanalisieren – so können sie doch eines nicht: es verstehen.
Denn die Programmierer dieser Plattformen, ihrer Algorithmen und Schnittstellen haben zwar ihre „Nummer Zwei“ (Schirrmacher, ‚Ego‘) definiert und geschaffen, verstanden haben sie sie (noch) nicht. Ein dummer, aber glücklicherweise durchaus systemimmanenter Fehler.

Und während die Goldfasane dieser sonderbaren Klasse in ihrer Geckenhaftigkeit eine Talkshow nach der anderen durchtanzen, ihre Pirouetten bei Spielesendungen im Telescreen (1984er Smart-TV) drehen, ihr Sitzfleisch bei parlamentarischen Abnickveranstaltungen oder unsäglich nervigen Aufsichtsratssitzungen pflegen, derweil sie sich auf die nächste Hinterzimmerparty oder ein Lobby-sit-in sehnend freuen – alldieweil haben sich die Enzyklopädisten unserer Zeit von dieser feinen Gesellschaft abgewandt.

Diesesmal heißt Aufklärung aber nicht, aus einer selbstverschuldeten Unmündigkeit befreit zu werden.
Diesesmal ist es die Befreiung des Menschen aus der fremdverschuldeten Entmündigung.

Die Geldverleiher prüfen derweil schon vorsichtig die Klinke der Hinterausgänge. „’s ist ein Gesetz der Teufel und Gespenster, wo sie hereingeschlüpft, da müssen sie hinaus. Das erste steht uns frei, beim zweiten sind wir Knechte.“ (Mephisto in Faust, 1. Teil)

Noch suchen die Menschen nach einem Ausweg. Doch, wird  ihnen erst bewußt, daß ihnen der Weg frei steht, wählen sie vielleicht weder den vorderen, noch den hinteren Ausgang – um hinein zu kommen.
Sondern setzen einfach – mir nichts, Dir nichts – einen Roten Hahn auf’s Dach.

Womit wir wieder bei 1789 wären. Der gallische Hahn als Freiheitssymbol ist es! Ehe er dreimal kräht werden die Regierungen der Demokraturen zerfallen, implodieren. Denn ihrer Vertreter Loyalität ist eine überaus individuelle.

Vielleicht macht das dann ja den Weg frei, für eine Ordnung, die sich – endlich – die Völker selbst geben, und nicht Kontrollräte, Gouverneursräte, Bankenräte, Zirkel und Winkel.

Das Geheimnis der Freiheit ist der Mut!

Bildquelle: Bredehorn.J  / pixelio.de

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