Hereinspaziert | A.F. 2015

Viens me retrouver. Das Alte Europa

“You’re thinking of Europe as Germany and France. I don’t. I think that’s old Europe.”
(Sie denken bei Europa an Deutschland und Frankreich. Ich nicht. Ich glaube, das ist das alte Europa.“ – Donald Rumsfeld, PNAC – 2003)

Als Victor Hugo 1831 den Roman „Notre-Dame de Paris“ veröffentlichte, war die Hauptperson nicht – wie wir heute vielfach denken mögen – Quasimodo. Die Hauptperson war Unsere liebe Frau von Paris, die Notre-Dame de Paris. Victor Hugo prangerte in dem Roman den Verfall dieses alten, gotischen Baus an und versinnbildlichte mit ihm gleichsam die Abkehr der sich industrialisierenden Gesellschaften von den sie tragenden Fundamenten. Hugo bewirkte die Restauration des Kirchengebäudes, weil er es schaffte, in besinnungslosen Zeiten ein Bewußtsein in der Bevölkerung zu schaffen. Ein Bewußtsein für das Alte Europa.

Europa in Versailles | A.F. 2015

Europa in Versailles | A.F. 2015

An einem Seitenzugang des Gare du Nord, einem der größten Bahnhöfe der Welt, trete ich auf die Straße. Fußläufig will ich das Hotel erreichen und gehe, wie die nächsten Tage häufiger, ein reichliches Viertelstündchen durch die kleinen Seitenstraßen des 10. Arrondissements. Die Haussubstanz ist alt und typisch für Paris. Überall die Pariser Balkone, schmiedeeisern und verziert. Alles atmet hier irgendwie den Haussmann-Stil.
Ich passiere eine kleine, vielleicht 300qm große Parkanlage. Steinerne Bänke, ein kleiner Tümpel, Büschlein und eingefaßt mit verzierten Schmiedezäunen. Überall werde ich in Paris über derlei Anlagen stolpern, die die Stadtbürger sich einst gaben, um der Tristesse des grauen Stadtlebens liebevoll einen Gegenpol zu setzen. Etwas Grün, etwas Kurzweil, als ein Aufbegehren des Menschen mit Artung und Kultur über die Mechanisierung, die Ökonomisierung und Entmenschlichung.
Und überall in Paris sehe ich Menschen jetzt darüber hinweg oder hindurch trampeln, die mit leeren Augen und stoischer Miene keinen Blick, keinen Sinn für derlei haben.
Ich frage mich: Werden diese „Pariser“, wird diese Art des urbanisierten Typus der „Gattung Mensch“ auch mit dieser Hinwendung „ihre“ Stadt, ihre Heimat hegen und pflegen? Werden sie auch Anlagen bauen, die Häuser frisch anstreichen, Blumentöpfe ins Fenster stellen, in Kneipen und Gassen ihre Chansons singen?

Straßencafés, Pariser-Balkone und Haussmann-Stil. Das alte Paris.

Straßencafés, Pariser-Balkone und Haussmann-Stil. Das alte Paris. (A.F. 2015)

Diese und viele weitere Fragen stellte ich mir wirklich, als ich Mitte Oktober 2015 einige Tage in Paris weilte. Einige der Fragen beantworteten sich von selbst, denn die Menschen, denen ich auf der Straße begegnete, hatten selten etwas französisches an sich, außer vielleicht den Paß und einige Brocken des französischen Idioms, mit denen sie sich untereinander verständig zu machen trachten. Aber immerhin: Verständig…
Mein Fußweg zum Hotel führte entlang allmöglicher ehemaliger kleiner Läden, die nun zu Gotteshäusern umfunktioniert worden waren, ohne Umgestaltung erfahren zu haben. Es waren eben gestaltlose, ehemalige Läden, vor denen dutzende Paar Schuhe standen. Nicht mehr.
Rückbindung muß nicht nur etwas mit Schnürsenkeln zu tun haben. Eine Schleife um das göttliche Geschenk der Schöpfung vertrüge vielleicht doch etwas mehr Ausdruck. Aber ich hab’s leicht, darf ich doch meiner Gottheit einen Namen und seiner Pracht Bildhaftigkeit geben.
Zu gegebenen Stunden strömten, in Jogginganzügen und mit Baseballcaps auf den krausen Haaren des Afrikaners oder vollen Locken des Orientalen, die Männer heraus auf die Straße. Frauen und Mädchen waren kaum zu sehen.
Sicherlich, eine Frage von Religion und Kultur. Aber in der Stadt der Liebe und dem Land der schönen Frauen doch befremdlich

Spiegelsaal. 71 oder 19? Weder noch. Erbfreunde.

Spiegelsaal. 71 oder 19? Weder noch. Erbfreunde. (A.F., 18.10.15)

Die wenigen erkennbaren Franzosen auf den Straßen, hasten durch das Grau in Grau einer verkommenden Stadt. Sie wirken wie unter Schock.
Sie wirken wie Menschen, deren Heimat über Nacht ihre Art verloren hat, obwohl die Gestalt geblieben ist. Sie sind Franzosen, die ihr geschaffenes Umfeld nicht mehr selbst gestalten, die alles Heimelige verloren haben, und nun in Fremdheit zu Hause sind.
Die anderen Menschen sind jetzt hier, in der Fremde, zu Hause. Ihre ohnehin spärlichen Wurzeln in der Heimat, die eigenen, oder die der Eltern, sind gekappt und es fällt ihnen schwer, hier in Kalkstein und Beton wieder Wurzeln zu schlagen.

Es ist der große Widerspruch der Zivilisation: Im Namen der Menschlichkeit werden Kriege geführt, Landstriche verheert, Menschenmaßen bewegt und Menschen vermasst. Sie werden hierhin gelockt, dorthin geschoben. Mit Integrationsdünger sollen sie Wurzeln schlagen in einer Erde, die schon von Wurzelgeflecht durchwoben und durchwirkt ist. Damit sie Wurzeln schlagen können, wird das, was da ist, wie Unkraut beharkt.
In dieser Eiseskälte, dem Permafrost der Globalisierung, halten sich am Ende nur Flachwurzler, die jeder leichte Sturm verweht, bis sie wieder an anderem Orte versuchen Wurzeln zu schlagen.

18.10.15 schwer bewaffnete Sicherheitskräfte in Versailles

18.10.15 schwer bewaffnete Sicherheitskräfte in Versailles

Bohème der Kommune
Kommunisten und Globalisten

Die Globalisten beider Couleur haben nur Verachtung für das Alte Europa übrig.
Sie verachten es als ihren Antagonismus. Das Alte Europa ist es, was sich mit Geist, Kultur und Verwurzelung am wenigsten für den Globalismus der Entwertung und Entwertlichung eignet.
Es dauerte Jahrhunderte, daß sich die Menschen Europas selbstbefreiten und den Ausgang aus der fremdverschuldeten Unmündigkeit fanden.
Dieses Europa der Neuzeit und Aufklärung, ist für die Apologeten der Projekte für den Neuen Menschen oder Projekte für einen Neues – bestenfalls amerikanisches – Jahrhundert, natürlich das Alte Europa.

19.10.15 schwer bewaffnete Sicherheitskräfte im Zentrum von Paris

19.10.15 schwer bewaffnete Sicherheitskräfte im Zentrum von Paris

Europa, dieser kleine Wurmfortsatz Landmasse an der eurasischen Platte, hat zwar längst seine Eliten an den Globalismus verloren, aber seine Völker gebären immer wieder den Geist des Widerstandes. Und der Widerstand zeigt sich in den ewigen Werten von Toleranz, Mitgefühl, Friedfertigkeit und Lebenslust.
Was der real existierende Kommunismus und kapitalgedeckter Globalismus in der Welt an Kultur- und Volkszerstörung betrieben und betreiben, das wütende Kappen von Wurzeln und Stutzen von Geistesflügeln: nie blieb es von nachhaltiger Wirkung. Immer wieder bekannten sich Russen, Isländer, Spanier und Griechen zu sich selbst und ihrer Mission.

Noch Schwingkraft vorhanden? (Versailles, A.f. 2015)

Noch Schwingkraft vorhanden? (Versailles, A.f. 2015)

Doch: Endlich greifen die Globalisierer (wieder) zur ultimativen Waffe. Schlagt die Europäer mit sich selbst. Stellt sie gegeneinander, spaltet die Gesellschaften, zwingt die Gutwilligen, ihr Herz herauszureißen und intolerant wie herzlos zu werden, damit sie überleben können. Jagt die Schere in den Kopf, damit der Geist verkümmert und die Schwingkraft seiner Flügel weggeschnitten ward. Der sich selbst entfremdete Europäer wird fallen, damit der Globalismus leben kann.

Das Wort vom Alten Europa, 1848 wie 2003 war es eine Drohung. Wenn die Völker nicht die Jericho-Signale hören wollen, werden ihre Mauern eben eingerissen.
Und wollen sie nicht fallen, es sind genügend Menschen in den Neustädten, die von innen Ausfalltore für die Ihrigen öffnen.

Das Wort vom Alten Europa war zynisch gemeint, denn man wußte, daß das, was nun folgte, der Anfang vom Ende dessen war. Deswegen machte man es ja: Die Regime Changes, die angezettelten Bürgerkriege und Destabilisierungen im Osten und Süden Europas hatten nun gerade den Hauptsinn, Europa dort zu treffen, wo es am Empfindlichsten ist: Seiner weichen Flanke der Mitmenschlichkeit und Gewissenhaftigkeit.

Dahin? Nie mehr zurück! (Versailles, A.F. 2015)

Dahin? Nie mehr zurück! (Versailles, A.F. 2015)

Nachtrag
Wer jetzt meint, daß Europa, das „wir“ ja diejenigen seien, die bei diesen ganzen Kriegen mitmachen, mitprofitieren und deshalb „schuld“ seien, dem widerspreche ich energisch:
Machen wir eine Vollkostenrechnung auf, was die europäischen Völker die Kriege, Abwehr oder Aufnahme der Migrationswaffe kosten. Rechnen wir außerdem, was für die Völker der Profit aus der Ausbeutung des Restes der Welt ausmacht. Schauen wir, was für wen unter dem Strich übrig bleibt und differenzieren dabei, welchen Anteil dabei die Kosmopoliten, die globalistischen Eliten „tragen“. WER erzielt die Gewinne, WER unterliegt dem Lohndruck und hat in unmittelbarer Nachbarschaft die sozialen, wie ethnischen Konflikte?
Den Bürgern der Länder eine Schuld an den Mißständen aufzuerlegen, treibt sie auf die Seite der Profiteure. Schuld ist eine lähmende Last. Sie ist Herrschaftsmittel. Wer Schuldhaftigkeit postuliert, will die Menschen bedrückt und vom (Selbst-)Befreiungsschlag abhalten. Und wer das nicht will, dem sei es hiermit gesagt: Laß das!

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