Volksmusik hat etwas Anrüchiges

Leserbrief Frankfurter Allgemeine Zeitung, erschienen in „Briefe an die Herausgeber“ 04.06.2002, Nr. 126, S. 11

Volksmusik hat etwas Anrüchiges

Die Feststellungen in der Glosse „Ein Lied“ (F.A.Z. vom 29. Mai) möchte ich insoweit ergänzen, als es mit dem Bedauern der Abnahme der Gesangsfähigkeiten gerade von Kindern und Jugendlichen solange nicht getan ist, wie nicht gleichzeitig eingehender nach den Ursachen gefragt wird. Das deutsche Volksliedgut ist in seinem Charakter so breit gefächert und vielschichtig, daß der Verlust durchaus zu beklagen wäre. Und ein Verlust stellt sich spätestens dann ein, wenn dieser – in der ganzen Welt noch heute als typisch deutsch berühmte – Teil der deutschen Kultur nicht gelebt wird.

In der Geschichte haben die Deutschen immer wieder Zeiten erlebt, in denen das Liedgut nicht gepflegt wurde. Dies waren auch immer Zeiten der Identitätslosigkeit. Ob nun die entsetzlichen Zerstörungen im Dreißigjährigen Krieg Auslöser der Heimatlosigkeit waren oder die Zerstörung und Entmündigung zum Beginn des 19. Jahrhunderts. Aber immer fanden die Menschen zu ihrer Identität zurück, und im Rahmen der kulturellen Selbstfindung erwachte auch das Liedgut zu neuem Leben. Es waren in der Romantik die Dichter und Denker, es waren die Gebrüder Grimm, die Lieder aus der Versunkenheit hoben. Und es waren die Jugendbewegten, die Wandervögel, die im Ausklang des 19. Jahrhunderts Liedgut im „Zupfgeigenhansel“ festhielten und in ihrer jugendlichen Schöpferkraft neues Liedgut gebaren. Das Besondere ist hier, daß die Jugendbewegung deutlich machte, daß sie gerade deutschtümelnder Inhalte überdrüssig war. Die stark ausgeprägte kulturelle und nationale Identität der Jugendbewegten und später Bündischen konnte problemlos auch Liedgut anderer Völker übernehmen.

Heute stellt sich die Lage völlig anders dar. Infolge der fortgeschrittenen Identitätslosigkeit der jungen Deutschen sind diese kaum in der Lage, deutsches Liedgut zu rezipieren. Sie kennen es einfach nicht. Noch viel weniger sind sie daher in der Lage, Elemente echter Kultur anderer Nationen aufzunehmen. Der europäische Gesangsbrei in Tallinn zeigt vielmehr, daß dies nicht nur ein deutsches Phänomen ist. Die unselige, in unfaßlicher Spießerhaftigkeit geformte volkstümliche Musik trägt das ihre dazu bei, den jungen Menschen vom Gesang zu entfremden. Die Tragik liegt auch darin, daß selbst Radioprogramme in den öffentlich-rechtlichen Sendern, die echte Volksmusik brachten, die Ausstrahlung einstellten, nicht, weil die Hörer fehlten, sondern weil Intendanten und Redakteure dieses gegen den lautstarken Protest der Hörerschaft so wollten. Volksmusik hat etwas Anrüchiges. Vielleicht, weil das Wort „Volk“ enthaltend oder weil das Gemeinschaftserlebnis der singenden Gruppe „gefährliche“ Dynamiken entwickeln könnte.

 Vielleicht ist Volksmusik aber auch zu schwer. Denn sie erfordert Aktivität, Auseinandersetzung mit Textgehalt und Melodie. Im Gegensatz zur volkstümlichen Musik kann man Volksmusik nicht einfach konsumieren; wie jeder Bestandteil echter Kultur muß sie gelebt und erlebt werden. Das Gesangserlebnis am Lagerfeuer, am Stammtisch, auf der Fahrt, im Verein, mit Freunden oder in der Familie ist immer ein tiefes und wirkt stärkend für den einzelnen, der dann die Gemeinschaft fühlt. Menschen, die viel singen, wirken häufig befreiter, und allein in ihrer Stimme finden sich Kraft und Lebendigkeit auch beim normalen Sprechen. Sie reden melodischer.

 Indes hilft es nicht zu beklagen, daß nicht mehr gesungen wird, was auch nicht zutrifft, denn junge Menschen singen zum Beispiel begeistert in Konzerten ihrer Pop-Idole zu Tausenden mit. Wie geschildert, kommen nach Zeiten der „tiefsten Erniedrigung“ (Johann Gottlieb Fichte) jene der kulturellen Findung, Erneuerung und Wiederfindung. Solange jene „kleine, verlorene Schar“ der Gesangsenthusiasten die Befähigung zum Singen durch die Zeit zu retten vermag, solange besteht Hoffnung, daß auch unsere Nachfahren das Geschenk gemeinsamen Singens und Musizierens erleben werden.

 Arne Fischer, Neu Wulmstorf

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