Warum das System die Extremisten mag – und keine Radikalen

In weiten Teilen des politischen Diskurses hatte sich einmal die Unterscheidung etabliert, daß der – linke oder rechte – Radikale nicht geliebt, aber durch Sicherheitsbehörden nicht beobachtet wurde. Ganz anders der Extremist, links oder rechts. Dieser wurde sehr wohl von beobachtet, überwacht, infiltriert, gesteuert und eingesetzt. Er definierte sich offiziös darin, daß er die „freiheitlich-demokratische Grundordnung“ nicht liebe, ja gar bekämpfe.
Daß Sicherheitsbehörden nach dieser Definition durchaus masochistisch veranlagt sein müssen und sich selbst als Extremisten sehen sollten, sei einmal dahingestellt – aber nicht ohne die Anmerkung, daß Hier und Da eine gegenseitige Überwachung der Sicherheitsbehörden durchaus seine Berechtigung hätte.

Diese Unterscheidung von Radikalität und Extremismus wird kaum noch vorgenommen. Dies ist nicht allein dem Wischiwaschi-Trend des Neusprechismus geschuldet, sondern Ergebnis politischer Agitation. Da Zerteiltes sich besser beherrschen läßt, wurde nach Kräften die verbohrt-tumbe Ansicht etabliert, man könne den politischen Gegner am besten total bekämpfen. Das heißt, nicht nur ihn selbst, sondern auch alles, was – tatsächlich oder vermeintlich – in seinem Dunstkreis sein könnte. Dieses Denken konnte soweit gehen, daß sogar ein Schoß fruchtbar für genealogisch-vorbestimmte Monster sein konnte. Wenn nach Parmindeides Sprache wirklich Denken ist, dann muß einem erschaudern. Der Mensch ist dem Menschen sein… Mensch.

Der politische Gegner wird nicht mehr inhaltlich gefaßt, analysiert und genau dort angegangen, wo man sich selbst eben nicht wiederfindet.
Der politische Gegner ist Links oder Rechts. Fertig.
Und genau so ist der politische Diskurs dann auch abgefertigt. Man ist – selbstzufrieden – fertig mit sich selbst und – ablehnend bis zur Hysterie – fertig mit der Welt.
Man kann sich sicher sein, daß Jene, die seit langer, langer Zeit sich mit der Psyche des Individuums und von Gruppen intensiv, ja leidenschaftlich im Wortsinne befassen, unter alle diese Vorgänge entweder ihr q.e.d. kritzeln oder einfach „Gelt! daß ich Dich fange“ zischeln.

Nun, wer ist radikal? Wann ist er es? Und vor allem: Warum?

Radis. Die Wurzel.
Wer an die Dinge immer wieder mit grundlegenden Fragestellungen herangeht, wen die Ursachen mehr interessieren, denn die Erscheinungen: Der ist ein Radikaler. Die einen kommen in ihrer Anschauung der Welt eher von der Natur, vom Schöpferischen her. Sie suchen den Kern, wenn sie den Geist im Leben zu ergründen trachten. Und in diesen Kern legen sie ein waltendes Wollen. Und was der so will, das ist richtig und gut.
Diese Radikalen sind die Fraktion der Knollen.
Andere betrachten die blühenden Wiesen und Felder, ihr Zusammen- und Wechselwirken und wissen, daß das Wurzelgeflecht stark und widerständig ist. Und wie der Boden gespeist und genährt wird, desto stärker das Gewebe im Grunde, aber vor allem und solidarisch Blatt und Blüte im Lichte der brüderlichen Sonne.
Diese Radikalen sind die Fraktion der Graswurzler.
Das Wesen des Radikalen ist, daß er sich zu den Dingen hinwendet. Er hat eine Stellung oder Haltung. Wenn der Radikale sich zu der Welt stellt, dann meistens auf Grundlage einer Theorie, die eine tiefgreifende Formulierung von Betrachtungen und Anschauungen beinhaltet. Solche Theorien versuchen meistens, das Wesen und die Entwicklung menschlicher Gesellschaft zu ergründen, Mißstände zu verstehen und Lösungen zu finden, wie diese abzustellen wären.
Solche, die sich zu den Dingen verhalten, kommen meistens aus einer Gemengelage von Glauben und Gefühl zu den grundlegenden Fragen. Ihr Leben ist die Suche nach dem Kraftquell, der alles speist. Dieser Quelle des Lebens und seiner Ausformungen wird als gut und richtig angesehen. Und wenn diese Radikalen meinen, ihn erkannt, ihn gefunden zu haben, so formulieren sie, wie man hierzu Haltung bewahren kann.
Denn das Bewahren ist bei dieser Knollenfraktion erstes Gebot.
Die Graswurzelfraktion kann sich indessen zuweilen eher vorstellen, daß die Erscheinung mit blanker Sense weggemäht werden könnte. Das Wurzelgeflecht würde in der Erneuerung des sichtbaren Lebens etwas Besseres auf die Erdoberfläche wirken.

Völlig anders sehen es Extremisten. Diese würden die Radikalen zuweilen die Radieschen gern von unten wachsen sehen lassen, weshalb Extremisten in der Regel die Radikalen ihrer eigenen oder der anderen Richtung erbitterter bekämpfen, als andere Extremisten.
Extremisten zeichnen sich meistens darin – zweifelhaft – aus, daß sie eben haltungslos sind und selten wirklich Stellung beziehen. Sie sind meistens im Troß zuhause, hängen am Trog der Etappe – vulgo: des Systems. Man kann an ihrem Auftreten schon erkennen, daß sie „dagegen“ sind. Am erbittertsten sind sie gegen die, die ihnen durch Haltung und Stellungnahme ihre eigene Erbärmlichkeit vor Augen führen. Ihre Feigheit zeigt sich nicht nur, aber charakterisierend, daß sie nur in der deutlich stärkeren Meute das unterlegene Feindbild angehen. Ansonsten erschöpft sich ihr Engagement durch martialische Bekundung ihrer Entfremdung von Wurzel und Gewebe, in dem Äußerlichkeiten die innere Befreiung von Inhalten täuschend zu übertünchen trachten.

So wie der suchende, zweifelnde Mensch grundsätzliche Fragen stellt und grundlegende Anworten sucht, so ist der Extremist im Wesen völlig anders.
Seine Autoaggression lenkt er um gegen die Welt. Sein Selbsthaß resultiert meistens aus einem miesen Charakter, der entweder von Anfang an so war, oder durch Seele und Gemüt deformierende Erlebnisse solcherart Züge ausprägte. Der Extremist ist meistens ein nihilistischer Mitläufer, selten ein echter Querdenker. Für letzeres fehlt ihm meistens auch der Unterbau, den nur interessierte Anschauung der Welt und der Wunsch zu ihrer Wohlfahrt schaffen können, mitnichten aber die Verneinung und frühalter Gram.
Extremisten sind selten wirklich fröhlich. Ihr Lachen ist wie der Rest ihres Ausdrucks: Zu laut und gackernd, mit Hähme oder Schadenfreude gespeist, oft hysterisch.

Radikale sind eigentlich kaum anfällig für Verrat oder Ankauf. Ihre Radikalität speist sich aus dem Gefühlten und Verstandenen. Diese Kost ist reichhaltig und festigt die Persönlichkeit. Es gibt kaum Angriffsflächen für Schnödes. Auch einen Hass auf entwickeltere Charaktere gibt es nicht. Klugheit, Gutmütigkeit, Hilfsbereitschaft und Solidarität werden als Verbündete erkannt.
Dem Extremisten ist diese Gnade nicht beschieden. Er haßt er-, nein verbittert. Aber abgrundtief.
Es gibt für ihn kein inneres oder äußeres korrektiv, welches ihn vom Verrat abbrächte. Im Gegenteil. Er hat ja keine Idee, die es zu verraten gälte und keine Ehre, die ihn von den ersehnten Gelegenheiten, unter die Gürtellinie zu treten, abhielte.

Und dann ist da das System. Und das System liebt seine Extremisten, wie es die Radikalen fürchtet. Denn Extremisten lassen sich kaufen, verraten gern alles und jeden. Außer die Mitverräter. Mit denen ist man in der Niedrigkeit gleich. Diese Krähen sind schon blind. Da macht es keinen Sinn, sich noch die Augen aushacken zu wollen.
Das System braucht die Radikalen nicht unmittelbar zu bekämpfen. Es braucht nur seine Extremisten. Die erledigen den Job, aus innerstem Bedürfnis. Extremisten sind Werkzeuge, mit Förderprogrammen des Systems ernährt und billig unterhalten.
Mehr sind sie nicht.

Quelle Artikelbild: Mariocopa  / pixelio.de

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