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Wenn Meister zu Fürsten werden. Konwitschny inszeniert die Meistersinger | via COMPACT-Magazin

Einen kurzen Augenblick herrscht gefrorenes Schweigen im Saal der Hamburgischen Staatsoper. Gerade war der stimmgewaltige und angenehm textverständliche (wie so oft bei britischen Opernsängern) James Rutherford als Hans Sachs in den berühmten Schlußgesang eingetreten, als er von Franz Kothner (Jan Buchwald), als dem Sprecher der Meistersinger, unterbrochen wird: „James, weißt Du eigentlich, was Du da singst?“

Das steht nicht im Libretto Wagners und auch der nachfolgende Disput nicht, der zwischen den Meistern (erhöht stehend) auf der einen, und Hans Sachs, wie Eva (Meagan Miller) inszeniert wird. Während die Meister aus Deutschland – von oben herab – dem Text dumpfe Tümelei vorwerfen, hält Hans Sachs / James Rutherford dem entgegen, globalistischer Einheitsbrei könne nicht alles sein und Evchen / Miller weist darauf hin, daß Wagner sich mit seinem „Habt ach!“  darauf bezog, daß seinerzeit, also den sechzigerJahren des neunzehnten Jahrhunderts, an den Höfen überwiegend französisch gesprochen wurde und die höfische Tändelei mithin von Wagner als welscher Dunst und welscher Tand benannt wurde.
So geht es auf der Bühne hin und her, im Publikum – heutzutage führen auch Männer“ ihren Putz zum Besten und spielen ohne Gage mit“ (Faust, Vorspiel) – überwiegend gespanntes Zuhören. Abgesehen natürlich von selbstbestallten Claqueren, die beifällig die meisterliche Korrektheit bejauchzen.
Schließlich gibt Meister Kothner nach und  fordert Sachs auf, es dann eben zu Ende zu bringen, dieses unkorrekte Hohelied auf die Deutsche Kunst.
Bisher hatten sich die, ebenfalls auf der Bühne versammelten Mitglieder des Chors, also in der Rolle des Volkes von der Straße, weitgehend zurückgehalten. Weder stimmten sie dem Reichsbedekenträgertum der Meister zu, noch pflichtete das Volk dem, bei ihm doch so beliebten, Hans Sachs bei. Als dann die Lobpreisung des Sachs im Schlußchor an der Reihe ist, inszeniert er sich zunächst zaghaft, unsicher. Die Gemeinschaft scheint dahin, jeder beängstigt, auch ein<em> Unkorrekter</em> zu sein. Doch mehr und mehr gibt sich das Volk dem hin, der Gesang schwillt auf, ehebend, bejahend, selbst befreit.

Eine Skandalinszenierung. Das hat man gefälligst zu erwarten, wenn sie von Opernregisseur Peter Konwitschny kommt.
Bereits 2002 hat Konwitschny diese Provokation im Schluß eingebaut, als die Meistersinger in Hamburg aufgeführt wurden. Damals jubelte der Spiegel korrekt vom „Klangrausch mit Notbremse“ (http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-25604169.html). Doch war es nicht eher eine Unterbrechung, um in der Provokation auch eine Dissoziation auszulösen?

Konwitschny wählt ausgerechnet die Figur des Kothner, – der vorher die freie Virtuosität des Junker von Stolzing, in dem törichten Ansinnen, ein Meisterlied im Herzen und nicht in formatierter Dressur entstehen zu lassen, – abgekanzelt und der Meistersingerzunft nicht würdig bekundete. Kothner wirkt hier wie ein politisch korrekter Schreibtischtäter und ist sicher ein ähnlich guter Richter, wie Beckmesser.
Beide ähneln sich in ihrer Häme und passen gut in die heutige Zeit, die Abweichung nicht allein verstört, sondern regelrecht(!) verabscheut. Kothner (Buchwald) wird von einem Deutschen gesungen. Übrigens ebenfalls sehr schön und klar.
Die, die zu widersprechen Konwitschny wagen läßt, sind keine Deutschen, sondern ein Engländer aus Norwich und eine schöne Amerikanerin.
Das Ganze bekommt seine eigentliche Würze allerdings darin, daß die Meister in der 2013er Inzenierung umgeben sind von allmöglichen Figuren aus der Wagner’schen Opernwelt: Odin, Tristan und Isolde, Siegfried, Rienzi, Der Fliegende Holländer und viele mehr stehen zusammengeschart mit den Meistern. Sie sind geckenhaft verkleidet – und wirken vollständig vertrottelt. Fürstlicher Humor?

Oder ist es so, daß nicht allein nur „kein Fürst mehr sein Volk versteht“? Zeigt Konwitschny Fürsten und Meister nunmehr vereint in ihrer Abgehobenheit, der Losgelöstheit von Volk und Kunst, bereit jeden, der ihre in wenigen Schubladen wohlgeordnete Welt zu hinterfragen und nach seinen Wurzeln zu suchen zu katechisieren und dressieren?

Dann, ja dann wäre diese Inszenierung skandalös. Herrlich!

Der Verfasser hat die Premiere am 7. April 2013 besucht.

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