„Revolution in Deutschland? Das wird nie etwas, wenn diese Deutschen einen Bahnhof stürmen wollen, kaufen die sich noch eine Bahnsteigkarte !" (Lenin) < Arne Fischer

Widerstand braucht keine Spielregeln

Anläßlich der immer existentielleren Krisen unseres Staats- und Gemeinwesens, werden die Klagen lauter: „Unsere Regierung muß Farbe bekennen.“ – „Minister müssen Verantwortung übernehmen.“- „Die Kanzlerin muß zurücktreten.“ – „Die Überwachung ist unrecht. Ich schreibe an den VS-Chef.“ – „Versammlungen werden verboten. Dagegen müssen wir klagen.“ – „Die Medien berichten einseitig. Wir verlangen ausgewogene Berichterstattung.“
Wer das System um Recht und Gerechtigkeit ersucht, wer beklagt, daß das System sich wehrt, wenn die Bürger die Mißstände an der Wurzel erkennen und –greifen wollen, der wird keinen wirksamen Widerstand aufbauen. Denn er akzeptiert genau die Strukturen und will sie nutzen, damit diese sich selbst korrigieren, ja beseitigen. Werden sie aber nicht.

Friedrich Hecker | konterfrei.de

Friedrich Hecker | konterfrei.de

Dieses Ansinnen ist gutbürgerlich und zeugt davon, daß die Menschen konstruktiv ihr Zusammenleben gestalten wollen. Ein guter Bürger zu sein heißt aber, noch viel mehr seine Schwächen, Stärken und Rechte zu kennen.
Wir Bürger in Deutschland haben wahrlich viele Rechte. Theoretisch. Praktisch werden sie, wenn wir sie wahrnehmen. Zum Beispiel:
Art. 20 des Grundgesetzes der BR Deutschland
(1) Die Bundesrepublik Deutschland ist ein demokratischer und sozialer Bundesstaat.
(2) Alle Staatsgewalt geht vom Volke aus. Sie wird vom Volke in Wahlen und Abstimmungen und durch besondere Organe der Gesetzgebung, der vollziehenden Gewalt und der Rechtsprechung ausgeübt.
(3) Die Gesetzgebung ist an die verfassungsmäßige Ordnung, die vollziehende Gewalt und die Rechtsprechung sind an Gesetz und Recht gebunden.
(4) Gegen jeden, der es unternimmt, diese Ordnung zu beseitigen, haben alle Deutschen das Recht zum Widerstand, wenn andere Abhilfe nicht möglich ist.

Wer möchte sich schon gerne selbst als Kadaver sehen? Und doch: die schöne, gute alte Deutsche Treue macht uns, wenn sie zum unreflektierten Gehorsam wird, zum bestenfalls toten, meistens siechenden Körper der Verfalls. Kadavergehorsam.

Theordor Körner | konterfrei.de

Theordor Körner | konterfrei.de

In der nordischen Mythologie ist es der Wille, der uns erst zum Menschen macht.
Immanuel Kants wunderbares (verkürzt) „ich kann – weil ich will – was ich muß“, macht den aufgeklärten, aus fremdverschuldeter Unmündigkeit selbstbefreiten Menschen u dem Geschöpf selbstlegitimierter Widerständigkeit.
Sein Recht zum Widerstand ist so unveräußerlich, wie seine Würde und seine Freiheit.
Willenlosigkeit und Willfährigkeit dürf(t)en darin keinen Platz haben, denn sie wären (und sind) Ausdruck der Insouveränität dieses Wesens.
Aber auch der aufgeklärte, seine Freiheit bewußt beanspruchende, aufgeklärte Mensch, kommt aus einer Sozialisation. Und diese Sozialisation hatte und hat etwas mit Herrschaft, mit Fremdherrschaft zu tun. Selbstbeherrschung spielte in der Vergangenheit zuvorderst unter dem Aspekt des Duldens und Akzeptierens von Gehorsamspflicht und Selbstzurücknahme eine Rolle, weniger in der inneren Dimension der Herrschaftsausübung des Ich.
Und das Soziale in der Sozialisation war in erster Linie die Einbettung, Ein- und Unterordnung des Einzelnen in Staaten und Gesellschaften, als Organisationsformen zur Herrschaft und Behherrschung durch Einzelne.
Echte Gemeinschaften, also organische Verbindungen von Einzelwesen, ziehen ihre Gestaltungskraft vornehmlich aus den Stärken (ja zuweilen sogar Schwächen) jedes Mitgliedes. Charakterbildung und Charakterentfaltung werden bewußt oder – häufiger – unbewußt gefördert.
Das Erlebnis von Gemeinschaft und Zusammenhalt, gibt dem Individuum Mut und Zuversicht, sogar aus der Reihe zu tanzen.
Gemeinschaften halten ohnehin nur zusammen, wenn ihre Organismen sich als Teil eines Ganzen selbst verstehen und einbringen. Die Einordnung dient jedoch der Gemeinschaft und ihrer Entfaltung im Einzelnen und Ganzen.
Die Unterordnung in Mechanismen von Gesellschaft und Staat, dient dem System und seiner perpetuierenden Funktionalität.
Und da Mechanismen durch sich selbst nach Automatismus streben, sind sie immer auch ein Herrschaftsinstrument.
Automatismen bedürfen lediglich der Überwachung. Alles Organische hingegen bringt immer den Sand der Individualität ins Getriebe und ist daher der natürliche Feind von (Fremd)Herrschaft.

Martin Luther King | konterfrei.de

Martin Luther King | konterfrei.de

Da aber auch der Mensch in mechanistischen Welten nach Entfaltung strebt, wirft man seiner Individualität lustbefriedigende Happen zu und macht das triebhafte Wesen zum Individualisten.
Herrschsüchtige Wesen haben immer etwas parasitenhaftes an sich.
Selten sind sie es, die emsig und kreativ nach Weiter- oder Höherentwicklung streben.
Ihre ganze Kreativität dient dem (Un)Arterhalt und der Machtfestigung. Und selbst damit haben sie gut zu tun, denn die zu Beherrschenden sind komplex und mannigfaltig in ihrem Selbstentwicklungsdrang  – und unterliegen einer Evolution des Geistes, bei dem schwer schrittzuhalten ist.
Nun hat der Typus des herrschsüchtigen Parasiten sowohl in Generationen der Auslese, als auch in jahrhundertelangem Studium der Wirtsgemeinschaften gelernt, daß es allemale wirksamer und leichter ist, die Herrschaft strukturell zu festigen, als den Wirt ständig mit Mimikry oder Mimosenhaftigkeit zu täuschen.
Selbst damit hat man genug zu tun, denn Menschen dumm zu halten ist zwar leichter, als ihnen vom Licht hinter den Schatten zu erzählen. Aber Menschen sind neugierig. Und schon ihre Neugier macht sie mißtrauisch, wenn sie nicht gestillt, sondern stillgehalten werden soll.
Der Abwehrkampf ist insofern ein Kampf der Individuen in und für ihre Gemeinschaften, gegen die automatistische Herrschaft der Parasiten.
Hat man erst verstanden, daß das Organische gegen das Mechanische gestellt ist, dann wird man den Befreiungskampf nicht mehr systemimmanent führen.

Marie Sofie Scholl | konterfrei.de

Marie Sofie Scholl | konterfrei.de

Dieser erste Schritt der echten Selbstbefreiung findet statt, wenn das System nicht mehr als Teil der eigenen Lebens-, Sicherheits- und Entwicklungsordnung erlebt wird, als Ordo der Mitwelt, sondern erkannt wird als chaosstiftende Instanz, die ihre Herrschaft auf Überwachung der Manipulation der Wirte, in der alltäglichen Lebenswirklichkeit von Lenkung und Ablenkung gründet.
Das Individuum, das einzig und vereinzelt, seine Beherrschung akzeptiert, ja akzeptieren muß, und diesen Mißstand nicht wahrnimmt, wird bei Ungemach – z.B. geistigem oder materiellem Notstand – das System um Gerechtigkeit befragen.
Wenn das System den inneren Unfrieden nicht hinreichend abstellt, wird man das System be- und, so überhaupt noch möglich, verklagen. Reagiert das System – weil anderweitig überbeschäftigt oder selbstzufrieden-unwachsam – zu spät und die Systemkomponenten artikulieren ihren Unmut im zunehmenden Verbund, dann hat es immer noch die Mittel der Tension und Division des Herrschaftsbereiches.
Die, die sich zusammentun oder zusammentun könnten, werden gegeneinander gebracht.

In dieser Phase des ancien régime in spe befinden wir uns offensichtlich gerade.

Wilhelm Tell | konterfrei.de

Wilhelm Tell | konterfrei.de

Diesem Spiel entgeht man nur, wenn man das Spielfeld, auf dem die Parasiten das Wesen und und Seele der Wirte erkunden und danach Spieltheoretiker die Regeln ihre Manipulation ersinnen und aufstellen, verläßt.
Menschliche Gemeinschaften haben schon lange grundlegendere Regeln aufgestellt. Und Wesen dieser Regeln in Familien, Sippen- und Dorfgemeinschaften, ja in Völkern und Völkerfamilien und der Weltgemeinschaft aller Nationen ist:
Das Gewähren des Rechts auf Freiheit ist kein Spielzug und braucht keine Spielregel, über deren Gültigkeit ein System und die Beherrscher seine Systematik befinden.
Dieses Recht ist unveräußerlich und wenn seine „Umregelung“ unternommen wird, steht diesem Recht das Verteidigungsrecht des Widerstandes zu Seite.

Wogegen also widerstehen? Gegen die Regierung? Gegen ihre Organe? Gegen die, die der Regierung sagen wo und wie sie gegen alles Organische handeln und unterlassen sollen?

Warum nicht anders? FÜR etwas widerstehen: Die Bürger müssen aus und mit ihren Gemeinschaften in den Widerstand treten, um mit den gebotenen Mitteln das unveräußerliche Recht auf die eigene Souveränität und damit die freie Selbstbestimmung, wahrzunehmen.

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