Betreuungsgeld und abgeschmackter Betrug

Es ist nicht allein eine Denkschule, die Taten nicht von dem sie verursachenden, sinnenden Wollen her zu betrachten, sondern von ihrem Ergebnis. Es lohnt sich auch. Ähnliches gilt für mich hinsichtlich heiß diskutierter Themen. Gerne löse ich meinen Focus vom Sujet und richte den Blick auf den Stil, in dem die Diskussion geführt wird. Doch sagen wir besser Art, dann ist das schöne Gegenwort Unart beziehungsvoller.

Und schon bin ich bei dem eigentlichen Aufhänger meines heutigen Tagebucheintrages.

Und was ist das Tagesaktuelle, welches mich bewegt? Nun, natürlich die Walpurgisnacht. Oder die Herdprämie? Oder die Art, in der über das Betreuungsgeld diskutiert wurde? Gut, zu letzterem zitiere ich hier und gern den Faust:

„Nein, sage mir, was soll das werden?

Das tolle Zeug, die rasenden Gebärden,

Der abgeschmackteste Betrug,

Sind mir bekannt, verhasst genug.“ (angesichts einer entrückten Hexe samt Verbalhokuspokus)

Ist dem werten Leser eigentlich schon aufgefallen, mit wie harsch geifernder Bitterkeit die Gegner des Betreuungsgeldes gegen eben dieses zu Felde ziehen? Mir schon. Es gibt bestimmte Themen, da wird die Diskussion hassig. Grassig? Und man bedient sich des Mittels friedmännischer Häme. Und dann kommen die altbewährten Reflexe, jene Doppeldenkwerkzeuge der letzten Jahrzehnte, bei denen selbst der Freigeist die Siebenmeilenstiefel auszieht, daß sein die Hackenzusammenknallen bei dem Denkbefehl der Political Correctness ihn nicht verriete. Ja, spätestens dann fällt es, das Wort, in dem „Herd“ vorkommt. Heimchen am Herd? Nein, dieser Dreiklang soll sich pawlowartig  im Hinterstübchen entfalten. Herdprämie!
Also, die kleine Heuschrecke – das Heimchen – soll jetzt auch noch dafür prämiert werden, daß es seine Larven sich nicht in der Kita verpuppen läßt? Widerlich!

Nun unterstelle ich ja gerne einen Hintersinn. Und je absurd abwegiger die Diskussionsführungsart ist, desto mehr unterstelle ich – mir nichts, dir nichts – konspirative Strategien, die sich den Charaktertypus des Hetzers zunutze machen. Wen? Na den, der auf dem Schulhof klatschend im Kreis um die raufenden stand und rhythmisch den Namen des Stärkeren rief.

„Heilig ist mein Herd. Heilig sein Dir mein Haus“, so schallt es in der Walküre von Wagner. Ja, der Herd ist heilig. Seit Urzeiten und überall auf der Welt, in allen ihren Kulturen. Der Herd im Iglu, der Herd in der Rundhütte des Kraals, der Herd im Langhaus der dithmarschener Sippe.
Und die Zerstörung des Herdfeuers war die wichtigste Maßnahme, wenn es darum ging, den Unterworfenen, den Besiegten nachhaltig, weil symbolisch ins heilige Mark treffend, zu vernichten. Wie so vieles Heiliges: In unserer Urzeit als Menschen war das Feuer im Herd tatsächlich gleichbedeutend mit dem Überleben der Sippe. Seine Zerstörung waren so die ersten genozidalen Brandopfer der Menschheit. Das alles ficht natürlich die Herd-Hasser nicht an, es bestärkt sie. Und ihre Nachplapperer sowieso.

Thea Dorn fabulierte z.B., die Herdprämie berühre eine letzte heilige Kuh der Deutschen, mit ihrem Bild der überhöhten Heiligkeit der Mutter. Überhöht?

Nun, für mich ist ein zerstörtes Herdfeuer so leblos, wie ein toter Schoß. Nicht umsonst ist die göttliche Hüterin des Herdes häufig zugleich die Verkörperung der Fruchtbarkeit.

Lasse ich mich also auf die Unart der Diskussionsführung ein, so sind die Wortteile Prämie und Geld so unpassend und fremd, wie sie nur sein können, um denen, die in Herd und Mutterschaft ewige und selbstverständliche Natürlichkeit sehen, keinerlei Empathie zu entlocken. Und gleichzeitig sind es die Reizworte, die jene, deren Schoß, Lenden und Herd tot ist oder jenen, dies‘ betrifft, eben diesen Tod wünschen, zur Höchstform auflaufen lassen.

Es geht nicht ums Geld. Es geht gegen den Herd.

Ist es nicht erstaunlich, daß Goethe – als ahnte er, daß es einmal eine Frau Ministerin von der Leyen geben würde – den Mephistoteles auf die oben zitierten Worte Fausts entgegnen läßt:

„Ei Possen! Das ist nur zum Lachen;

Sei nur nicht ein so strenger Mann!

Sie muss als Arzt ein Hokuspokus machen,

Damit der Saft dir wohl gedeihen kann.“