Das Stockholm-Syndrom der Etablierten und ihrer Medien

Die menschlichen Seelchen sind aber auch filigran…

So gibt es doch tatsächlich die Erscheinung des Stockholm-Syndroms. Hierbei handelt es sich um das Phänomen einer Fraternisierung von Geiseln mit den Geiselnehmern. Die Psychologie benennt hierfür mehrere Auslöser. Im Kern geht es um eine Wahrnehmungsstörung der Geisel, die sich in existentieller Not und Angst, verbunden mit dem Verlust jedweder Kontrolle über das nächste Schicksal auf die Seite derer schlägt, die – gefühlt oder tatsächlich – die Macht in den Händen halten: Die Geiselnehmer.

Jene, die helfen könnten, werden zu Gegnern, denn sie können nicht helfen, sind außen vor und Maßnahmen zur Befreiung werden als Angriffe auf’s Leben gewertet. Auf der anderen Seite ist der Geiselnehmer der Gönner, der Erleichterung schaffen kann. Er hat die unmittelbare Gewalt, er hat die Macht. Macht über Leben und Tod. Den eigenen oder den der Feinde da draußen, die den Geiselnehmern – den neuen Herren, der neuen Gewalt – böses wollen.

Das Stockholm-Syndrom hat seinen Namen vom Normalstorg-Drama 1973 in Stockholm, als ein Räuber vier Geiseln nahm, die ihn vor der Gefangennahme (und mithin die eigene Befreiung) aktiv gegen die Polizei beschützten.  Die Überlebensstrategie, sicher ganz tief im Ethos des Menschen – wohl wie aller domestizierten Wesen, möchte man hinzufügen -angelegt, ist natürlich schon viel länger bekannt und beschrieben.

Geiselnahmen haben seit  Menschengedenken auch zur Befriedung von Stämmen und Völkern gedient. Es wurden bei unterworfenen Stämmen bevorzugt die Herrschersöhne, zumindest die Kinder der Führungsschichten (sich damals anders herauskristallisierend, als in z.B. kapitalistischen Ordnungen) als Geiseln an den Hof des Unterwerfers gesandt. Sie wurden dort in der Regel gehegt, gepflegt und kultiviert. Kultiviert im Sinne des Siegers natürlich. Das bedeutete auch Abkehr von den eigenen Wurzeln. Nicht selten wurden so Geiseln zu den hervorragenden Bekämpfern der eigenen Leute und damit erstklassige Werkzeuge, jede Widerspenstigkeit im okkupierten Gebiet zu zerschlagen. Der Verrat ist immer das beste Mittel jedweder Unterwerfung.

Es ist vielleicht nicht einmal abwegig zu vermuten, daß man das Mittel solcher Geiselnahmen zu den Höfen imperialer Herrscher nicht bevorzugt deshalb einsetzte, weil die Angehörigen um ihre Söhne bangten, da sie sie in den Händen eines Geiselnehmers wußten, der die Abwehr der Unterwerfung sicherlich hart bestrafen würde. Solcherart Herrscher wußten hingegen – Herrschaftswissen ist uralt und wird gerne in den Sippen oder vermittels Gesetzbüchern in erwähltem Kreise weitergegebenen – über Tiefen und Untiefen der menschlichen Seele Bescheid.

In unserer Sagenwelt kennen wir Deutschen bei unseren Ur-Ur-Ur-Ahnen zwei wichtige Geiseln: Den Herrn Hermann, den Cherusker (als Geisel noch Arminius genannt) und wir kennen Herrn Dietrich von Bern (oder Theorderich d. Gr.). Und auch, wenn es um Deutsche Geschichte vor 45 mit der Historisierung schlecht bestellt ist – die Jünger des Hohen Kontrollrates der Siegermächte hatten da ganz genaue Vorstellungen – wollen wir es doch unterfangen frech zu behaupten, daß Ersterer dem Stockholm Syndrom nicht erlag und Zweiterer sich zumindest emanzipierte. Zur Entschuldigung unserer heutigen Politelite sei aber angeführt, daß beide aus anderem Holze waren, und Herr Augustus und Herr Etzel waren aber beide auch deutlich besser als brutale Imperialisten zu erkennen, als zum Beispiel der dunkle Herr der Drohnen unserer Tage.

Hinzugekommen ist seit reichlich 200 Jahren die Fakultät der Psychologie, die den Ethos nun studiert und auf ihre Weise zu kurieren trachtet. Solcherart Kur kann zuweilen wie Manipulation wirken. Manchmal ist sie es auch. Und so wie der Parasit den Wirt studiert, ihn in seiner Appetenz oder Lethargie verstehen lernte – die Evolution stellt dafür mitunter ziemlich viel Zeit für manchen glücklosen Fehlversuch zur Verfügung -, so macht sich mancherlei Grüppchen dieses begierige Forschen, Sezieren, Basteln, Kleben zu eigen (oder zunutze – sei’s drum), um das Subjekt der Untersuchung zum Objekt der Manipulation zu machen.

Moderne Medienwissenschaften beispielsweise, oder das Marketing, die Werbeindustrie – sie alle machen sich die Kenntnis des Menschen Psyche und Ethos zunutze und das Recht seiner Lenkung zu eigen. Die Politik vielleicht auch? Rhetorik ist auch Manipulation.

Sicherlich, Deutschland ist ein Sonderfall und die Genese des Verhaltens seiner öffentlichen Repräsentanten, der Politiker, Medienvertreter und medialer Aushängeschilder – repräsentativ könnte man sich vielleicht als einen gut Teil der Bundesversammlung denken -, hängt mit einer ganz besonderen Art der Überlebensstrategie zusammen.

Wenn wir voraussetzen – und der Verfasser meint, mit Fug und Recht darf man das -, daß unsere Systemparteien und die Medien eine Herkunft haben, die sie heute weiterhin nachhaltig bestimmt, dann sollten wir diese Herkunft näher beleuchten.

A. Fischer | Stockholm Gröna Lund

A. Fischer | Stockholm Gröna Lund

Eine Art der Herkunft ist die der Re-Emigranten, die das Land verlassen mußten und mit einem (Sendungs-)auftrag wiederkamen. Diese Menschen kamen als Repräsentanten des “guten Deutschland” an die Höfe seiner späteren, imperialen Okkupanten. Sie wurden dort keinesfalls immer und durchgängig offenen Herzens empfangen, sondern die Bürde ihrer deutschen Herkunft, wurde ihnen mannigfaltig zur Last gelegt und angekreidet (friß auf, was Dich krank macht! – auch ein Motto). Im Westen landeten sie in den Löwengruben Hollywoods, Los Alamos oder Umerzieherausbildungscamps der US-Army (siehe ICD). Im Osten konnten sie hoffen, in der Schlangengrube des Hotel Lux überleben und nicht in den Kellern der Lubjanka sterben zu dürfen. Sicher mußte nicht jeder von denen im Rahmen einer Überlebensstategie sich auf die Seite der neuen Herren retten. Es gab wohl auch Persönlichkeiten, die gerne willige Vollstrecker und Helfershelfer Roosevelts und Stalins wurden. Was aber Marlene Dietrich und Herbert Wehner anbetrifft? Wer weiß.

Aber es gab ja nicht nur Re-Emigranten, sondern auch ihre Schüler oder Mitbuhler, die durch die neuen Herren im Lande in Beschlag genommen wurden – wohl, weil sie Charaktereigenschaften besaßen, die durch Psychologen vorher als herausragend geeignet aus den Untiefen der menschlichen Seele herausseziert und definiert worden waren. Und die bekamen von den Besatzungsmächten nun die Lizenz zum Töten. Besser zur Selbsttötung, denn sie töteten erst ihre eigene Herkunft: sei es, selbst das Schicksal der lebensbedrohenden Verfolgung wegen der eigenen Herkunft erlebt gehabt zu haben oder nun selbst die zu verfolgen, zu denen man gehört(e). Diese Figuren waren nun in den Folgejahren ihrer Wieder- und Einkehr hervorragende Streiter für die Demokratisierung ihre alten Heimat – und sie sparten nicht, hauptsächlich oder nebenbei alles zu verfemen und verfolgen, was ihren neuen Herren, und ihnen als deren verfallene Geiseln, nicht in den Kram paßte. Und das hatte wahrlich nicht immer mit der Demokratisierung der Deutschen zu tun, sondern mit dem Ausbau der imperialen Unterwerfung des europäischen Kontinents.

Diese Geiseln sammelten viele Jünger um die Lizenz zur Gründung einer Partei,  eines Senders oder einer Publikation. Und allen ihnen war eines gemein: Sie wußten, sie erlebten jeden Tag und jede Stunde, daß alles was sie wollten, dem Genehmigungsvorbehalt der Besatzungsmächte unterlag. Alles. Am schlimmsten ging es dabei denen, die noch einen Funken Ehre in sich hatten. Denn die Verletzung der Ehre in der existentiellen Bedrohung und gleichzeitigen Ohnmacht als Geisel in Geiselhaft, – dabei ein Volk, daß sie da nicht rausholt, sondern in schuldbeladener Lethargie verhält, und nur ein kleiner Teil äußert wenigstens Emotionen in Form tiefster Verachtung für diesen Verrat – diese Verletzung erzwingt gerade diese in die selbsttödliche Umarmung der Geiselnehmer. Diese SS-Schergen (SS hier: Stockholm-Syndrom) werden nun politische und mediale Statthalter eines Landes, welches sie vorgeben demokratisieren zu wollen (durch “re-eduction of the german people”) und gleichzeitig nehmen sie in Kauf, daß jeder ihrer Gedanken bei seiner Äußerung zensiert wird und das sämtliche Kommunikation der lückelosen Überwachung unterworfen wird.

Die Väter, Söhne und Enkel unseres Grundgesetzes, dieses wunderbaren Manifestes eines Staates, der Rechtsstaat sein will, waren ohne weiteres bereit, nicht nur bis zu den Deutschlandverträgen 1955, sondern bis zu den 68er Notstandsgesetzen* und auch bei den 2+4 Gesprächen 1990, auf die Meinungsfreiheit, das Post- und Fernmeldegeheimnis – ja die Würde des Menschen zu pfeifen (siehe J. Foschepoth ‘Überwachtes Deutschland’, 2013 . ISBN 978-3-8389-0415-3 und in COMPACT 8/2013).

Das perfide nämlich an dieser Überlebensstrategie ist, daß sie sich systemisch perpetuiert. Die, die sich zu Anfang auf die Seite der Geiselnehmer geschlagen haben, konnten aus der Nummer nicht mehr heraus, suchten und fanden Nachfolger, die per se kein Problem damit hatten, zensiert und überwacht zu sein, und den Leuten – Anhängern, Wahlvolk, Hörern und Lesern – das Gegenteil zu verkaufen: Das sie in dem freiesten Staat lebten, Wahl- und Meinungsfreiheit vor dem Hintergrund einer unabhängigen Presse und Politik hätten. Man stand mit einer Lebenslüge auf, erzählte sie den ganzen Tag, liebkoste die Hand, die einen fütterte und schnappte nach jedem, der Herrchen zu nahe trat. Und man ging mit dem beruhigten Gewissen ins Bett, das Tagewerk als folgsame Geisel bestritten zu haben. Aber das System schlief nicht und zeigte sich wandlungsfähig. Denn es war klar: es funktionierte nur solange, wie die neuen Herren, die Geiselnehmer und ihre Jünger, exekutiv mächtiger waren als die, die es zu beherrschen galt. Der Machterhalt wurde gesichert durch Besitz- und Einflußverhältnisse. Medien- und Rundfunkräte wurden mit Geiseln besetzt (als die Geiselnehmer sich auf ihren Altenteil zurückgezogen hatten), Kriegs- und Systemgewinnler wuschen ihr Geld in dem Kauf von elektronischen und Printmedien. Bleiben durfte nur, wem es keine unerträgliche Last war, abgehört, gelenkt und zensiert zu werden – und dafür noch 13 Silberlinge zu nehmen.

Und ganz wichtig für die Stockholm-Syndrom-Geiseln: Es bedurfte hin und wieder eines Beweises, wer hier die Macht in den Händen hält: Volk oder Geiselnehmer. Wenn Volkes Ohr und Volkes Stimme sich artikulierte, so wurde dieses durchweg negativ konnotiert als Stammtischgerede und populistisch (oder schlimmeres) – besonders gern und effektiv, wenn sich hier zwar “das dumpfe Bauchgefühl der unverbesserlichen” Mehrheit äußerte und man in einer konzertierten, vollendet gleichgeschalteten Vernichtungskampagne aller Geiselmedien und der etablierten Geiselparteien einzelne Vertreter öffentlich hinrichtete.

Womit haben wir es also zu tun und – sofern man hierin einen Misstand sieht – wie befreien wir die Geiseln aus ihrer selbstverschuldeten Unmündigkeit: Durch Aufklärung!

Es muß gelingen, den Geiseln aufzuzeigen, daß sie Gefangene eines Systems sind, welches nicht stärker ist, als das Recht. Denn die Grund- und Menschenrechte sind unveräußerlich, und sie werden eines Tages von den Völkern als nicht erfüllt und geschützt erkannt, jedoch dann umso deutlicher eingefordert werden.

Diese Selbstbefreiung der Menschen aus der fremdverschuldeten Unmündigkeit darf nicht auf die Geiseln hoffen oder warten. Sie sind Gefangene ihrer eigenen Verkrampfung und tiefen Ängste.

Es hilft aber auch nichts, auf die Geisel Hildebrand zu  hoffen, die im Nibelungenlied der Geiselin Kriemhilds Selbsttötung finalisiert.

Die Vertreter von Systemmedien und Systemparteien  – also jene, die sich damit arrangiert haben, im Unrecht zu handeln – müssen wissen, daß auf der Seite des Rechts auch die Großherzigkeit der Vergebung, jener größten Kraft der Güte, zu finden ist. Und auf die Seite der Stärksten schlagen jene sich doch gern.

*Es gab viele Kritiker und Bedenkenträger: Zu frisch war die Erinnerung an die verhängnisvollen Notverordnungen in der Weimarer Republik. Die hatten es den Nationalsozialisten verhältnismäßig leicht gemacht, die Macht zu übernehmen.Willi Brand, der Außenminister der Großen Koalition versuchte, diese Bedenken zu zerstreuen. Vor der entscheidenden Abstimmung im Bundestag, am 30. Mai 1968 sagte er: “Hier macht sich vermutlich niemand Illusionen, falsche Hoffnungen. Wenn einmal das Volk aufsteht, dann gelten ungeschriebene Gesetze.”