Deutschland Abgehängt. Lohndumping Verspricht Unfrieden.

Als vor wenigen Tagen die EZB-Studie (siehe insb. S. 80 ff.) zur nationalen Vermögensverteilung in der Euro-Zone veröffentlicht wurde, blieb es erstaunlich ruhig in der medialen Öffentlichkeit. Dies verwundert umso mehr, als doch bekannt war, daß der Bericht bewußt wegen seiner brisanten Inhalte zurückgehalten wurde – zumindest bis der Fall Zypern gelöst sein sollte. Gerade deswegen hätten sich doch alle Redaktionen darauf stürzen müßen, als es endlich soweit war.

Aber es blieb allenfalls nur ein leises Rauschen im Blätterwald zu hören. Ansonsten war man insbesondere mit dem Koreakonflikt abgelenkt und natürlich jeder Menge panem et circeneses beschäftigt. Eine der wenigen Ausnahmen war die FAZ, in der dann auch lebhafte Diskussionen in den Onlineforen der Zeitung entbrannten – sehr zum Gegensatz anderswo, was daselbst sogar in einem eigenen Artikel konstatiert wurde (Armut und Reichtum im Euroraum, FAZ.Net vom 10.4.2013).

Eine der Kerninformationen, die der Bericht enthält ist, daß im Vergleich zu den anderen Euro-Staaten das Vermögen je Haushalt in Deutschland am niedrigsten(!) ist und das die ungleiche Vermögensverteilung ebenfalls einen traurigen Spitzenplatz belegt. Kurz: Der Anteil am Gesamtvermögen, den die Wohlhabenden halten, ist in Deutschland bedeutender, als bei allen anderen. Auch die absoluten Zahlensollten alarmieren.
Aber: Nix passiert. Die mediale Anteilnahme liegt deutlich unterhalb des Badeanzuges der Frau Kanzlerin.

Nur, wie kommt es, daß in Deutschland die Haushaltsvermögen derart unter Druck geraten sind, hielten wir uns doch selbst für die Reicheren im Bunde?
Denn selbst “unsere Reicheren” summieren nur im unteren Drittel der Euro-Staaten Vermögen auf.

Wir haben es also mit einer hocheffzienten Wirtschaft zu tun, deren Wettbewerbsfähigkeit die Mitbewerberökonomien unter ruinösen Preisdruck setzt. Die Gewinne der Konzerne sind teilweise gigantisch, die Unternehmensgewinne im Ganzen seit etlichen Jahren im Vergleich mehr als ordentlich.
Aber das Volksvermögen sinkt. Im Verhältnis und absolut.

Warum kommt bei den Bürgern nichts von der vorteilhaften Wettbewerbsfähigkeit an, bzw. bleibt dort zur nachhaltigen Vermögensbildung?
Ganz einfach: Weil sinkende Reallöhne, weil die Dumpinglöhne eine der Hauptursachen für unsere Exportstärke sind.

Nun, es gibt ja durchaus Profiteure der Profitabilität deutscher Unternehmungen: Auf der Liste der (offiziell) Reichsten der Welt belegen etliche Deutsche eindeutig Spitzenplätze. Deren Vermögen ist seit 2008 – gegenläufig zur Gesamtbevölkerung – erheblich gestiegen. Gleiches gilt beispielsweise auch für die Zahl der Vermögensmillionäre.

Aber die Mehrheit der Deutschen wird nicht vermögender. Ganz im Gegenteil.
Die, für manchen auf die Wirtschaftleistung Deutschlands berechtigt Stolzen, unangenehme Wahrheit: Ein guter Teil unserer Preisvorteile ist mit der schlechten Bezahlung der Arbeitnehmer hierzulande erkauft. Ein gutes Beispiel hierfür lieferte punktgenau Frontal 21 (ZDF, 9.4.13)  im sehenswerten Bericht EU klagt an – deutsche Dumpinglöhne. Während im Nachbarland Belgien 13.50 € Mindestlohn im Schlachtgewerbe gezahlt werden, sind – im Katzensprung über die Grenze – in Deutschland die Arbeitskräfte mit unter 7 € abgespeist. Das schafft Verdruß auf beiden Seiten.
Viel schlimmer ist aber, daß die Existenz der Unternehmen bei den Nachbarn gefährdet wird – und damit auch viele ordentlich bezahlte Arbeitsplätze auf dem Spiel stehen. Und das – will man nicht solidarisch, sondern egoistisch denken – ohne jeden positiven Effekt bei uns. Denn der bestechendste Effekt ist, daß mit diesen Niedriglöhnen das gesamte Lohngefüge unter Druck gerät.
Und wer muckt, organisiert oder nicht organisiert, dem wird signalisiert, daß in Ost- und Südosteuropa genug Leute bereitstehen, die für das Geld arbeiten würden. Fragen? Weiterarbeiten.

Für manche Ausbeuterseele ist selbst der Niedergang abgehängter Bevölkerungsgruppen im südlichen Euro-Raum durchaus willkommen. Es klang schon ein bisschen Jauchzen durch, als in Anbetracht der hohen Jugendarbeitslosigkeit in Spanien auf den Nachwuchsmangel in deutschen Unternehmungen hingewiesen wurde.

Wenn allerdings die Industriekapitäne nicht mehr ordentliche Heuer bezahlen, ab und zu eine ordentliche Sonderration Rum ausgeben, wenn Deutschland sich also damit begnügt, seine Innovationskraft in Mittel der Ausbeutung und des Lohndrückens zu konzentrieren, dann ist es schlecht bestellt um den sozialen Frieden in Europa. Und nicht nur den sozialen.

Es gehört nicht viel Erfindungsreichtum dazu sich auszudenken, wie das Land der Erfinder und der Denker von den Nachbarn als Billiglohndumper deklassiert wird.
Die Murdochs und Berlusconis dieses Kontinents stehen wohl schon in den Startlöchern.

Da tut sich eine geschichtliche Parallele auf: Als zur zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts Deutschland seine große Aufholjagd der Industrialisierung begann und, in Folge seiner hohen Geburtenüberschüsse und der resultieren Landflucht, auf ein riesiges Arbeiterpotential zurückgreifen konnte, war Arbeitskraft hier noch viel billiger zu haben, als beim großen Mitbewerber England, das nach den totalen Exzessen des Manchestertums nach und nach eine selbstbewußte Arbeiterschaft erhielt.

Es waren nicht nur der Erfindergeist und der große Fleiß die Auslöser und treibenden Kräfte des Aufstiegs Deutschlands zur führenden Industrienation in Europa. Wir waren Billigheimer, Made in Germany gleichgesetzt mit Biliigkram.
Ein Unterschied mag darin bestehen, daß gleichzeitig eine fürsorglich-aufgeklärte Politik und Unternehmerschaft in den Deutschen Landen einen großen Teil der Gewinne nicht auf britische Kroninseln schaffte, sondern in (Aus)Bildung, Infrastruktur und Wohlfahrt investiert wurde. Das ist heute anders. Das zeigen die Hartz IV-Gesetze und Transfers von Heuschrecken und Finanzjongleuren zu den Kayman-Islands.

Irgendwann aber war Schluß mit lustig. Die Konkurrenz durch Deutschland drohte übermächtig zu werden. Die Einkreisungspolitik folgte. An ihrem Ende stand der Anfang: Der Erste Weltkrieg.

Bildquelle: Klaus-Uwe Gerhardt | Pixelio.de