Nation und Imperium sind Antagonismen

Es kann als eines der frechsten Ablenkungsmanöver gelten, daß der Imperialismus dem Nationalismus die Schuld an den Kriegen und Verheerungen zuzuschreiben vermochte.

Dabei ist der Nationalismus eine Ideologie, die es erst seit – historisch – viel kürzerer Zeit gibt, als sein Geburtshelfer, der Imperialismus.
Dieses ist zumindest dann richtig, wenn man ihn als aggressive Politik von Imperien gegen Gegner und unbedingten Unterwerfungswillen potentieller Widersacher oder Konkurrenten, sowie eine deutliche Neigung zu Ausbeutung unterworfener oder abhängiger Völker oder Staaten.

Der Nationalismus ist vielmehr eine Ideologie, die in der Abwehr imperialistischen Auftretens begegnender Mächte entstanden ist.
Der Nationalismus ist aus der Erkenntnis  geboren, daß soziale und kulturelle Gemeinschaften nur dann dem unbändigen Zerstörungsdrang, ja Vernichtungswillen wiederstehen können, wenn sie sich dessen, was der Gegner zu liquidieren trachtet, nämlich ihre Identität, überaus bewußt werden.

Das, was der Imperialismus als die größte Gefahr seiner Herrschaft sieht ist es also, was in der Antwort der Nationalist bejaht.
Verstehen wir also den Nationalismus an dieser Stelle als Verteidigungs-,  ja  Überlebensideologie.
Eine Weltanschauung, die das  seiner Identität nicht ausreichend bewußte Volk zu seiner Bewußtheit drängt, um es wehrfähig zu machen. Das seiner Identität bewußte Volk  wird zur Nation, der Nationalismus ist hierfür der sehrende Vermittler. Und hierbei ist der Nationalismus natürlicher Verbündetet aller anderen Völker und Nationen.
Erst mit der Anerkenntnis des Lebens- und Entfaltungsrechtes der anderen Gemeinschaften erfährt die eigene Genese zur Nation, ihrer Auslebung die Rechtfertigung. Ein Nationalismus, der andere Gemeinschaften verneint, entrechtet sich selbst, versagt sich axiomatisch das Lebensrecht.
Da der Nationalismus, als Abwehrideologie gegen den Imperialismus, um die Bedeutung und Widerstandskraft jedweder Gemeinschaften weiß, anerkennt er sie als Streitgenossen.
Auch deshalb gab es immer eine verständnisvolle Hinwendung zu anderen Gruppierungen,  seien es Sippen, Klassen, Schichten oder Religionsgemeinschaften.
Denn immer dort, wo Menschen durch Herkunft, durch Schicksal oder Bekenntnis solidarisch zusammengestellt sind, werden sie widerspenstig.
Der Nationalismus ist aber nicht allein mit seiner Geburt natürlicher Gegner des Imperialismus. Seine Feindschaft  gilt ebenso dem Rassismus (und seiner Abart, dem Chauvinismus). Gleiches gilt für den Klassenkampf. Diese Ideologien verbindet die Negierung  des Andersartigen. Aus ihr speisen sie ihr Dasein. Berechtigen tun es sie zu nichts. Im Gegenteil. Der Nationalist  erkennt in aller Klarheit, daß spalterische, nihilistische Ideologien die  besten Verbündeten der Imperialisten sind.
So, wie er verbindlich Verbindendes sucht und die Völkergemeinschaft als große Familie ersehnt, so ist ihm alles dem zuwiderhandelnde die lebensgefährliche Bedrohung seiner integrativen Sendung.

Nun kennt der Imperialist die Schwächen des Menschengeschlechtes. Seine Verführbarkeit, seine Ängste. Denn zu seinen Stärken gehört die genaue Analyse des Umfeldes. Ja, man kann feststellen, daß alle Imperien der Weltgeschichte bisher ihr außerordentliches Geschick in Diplomatie auszeichnete. Sie dachten sich in die beherrschten oder zu unterwerfenden Regionen; in die Arten und Unarten ihrer Bewohner.
Und immer erst, wenn sie verlernten – satt und selbstsicher – ihre zielgerichtete Neugierde als Herrschaftsinstrument zu erhalten und zu pflegen, immer dann starben sie den Strohtod oder wurden von den letztenendes Unverstandenen hinweggefegt.

Doch der Mensch, wie seine Gemeinschaften, ist auf dem Pfade zu seiner (Selbst-)Bewußtwerdung und kollektiver Identität angreifbar – weil er in diesem Zwischenstadium schwach und anfällig für Abwege ist. Und genau hier setzt der versierte, schlaue Imperialist an. Entweder, er verführt den Suchenden zum Materialismus, der ihn vorschnell ersatzbefriedigt. Oder er flüstert ihm ein, seine schwere Lage, seine Not oder Unbefriedigtheit sei durch den Nachbar, „ die Anderen“ verschuldet. Schnell landet der Hungernde, nach langer Suche Ermüdete, auf dieser Leimrute.

Und, gefangen in klebriger Tücke, singt der Mißleitete dann das Lied von Auserwähltsein, Erlesenheit und Vorzüglichkeit. Er ist Rassist, er wurde zum Chauvinist.  Aber er ist nicht verloren. Befreit man ihn aus dieser fremdverschuldeten Unmündigkeit, diesem Gedankengefängnis der Imperialisten, so kann er den Weg zur Liebe für die Vielfalt des Andersartigen wieder oder neu aufnehmen, und er wird  alsbald Gefährten in ehemaligen, auch verführte Leidgenossen haben. Seien es Klassenkämpfer, Materialisten, Mammonisten oder andere ehedem Verführte.

Und spätestens, wenn die Identitäten sich festigen, wird der Imperialist mit seiner  Spalterei auf Granit stoßen. Denn wenn Identitäten sich festigen, verschwindet die Anfälligkeit für Abgrenzungsideologien und weicht der integrativen Suche nach Waffengefährten. Genau dieses werden die Vertreter des Imperialismus mit allen Mitteln zu verhindern trachten. Aber es ist zu spät. Dann ist der Untergang des Imperialismus – in seinen heutigen stärksten Ausprägungen, dem Kapitalismus, seinem Globalismus und der Faschismus – sicher.
In der Folge wird aber auch der Nationalismus obsolet.
Die Völker leben in Frieden mit- und untereinander. Den einen das Paradies, für die anderen die Hölle.

Als Letztes stellt sich die Frage nach der Triebkraft für den Imperialismus.
Wenn es eine besondere Form des Rassismus ist, wird der Kampf mit größter Erbitterung geführt sein. Denn der Rassismus der wenigen, die sich den Imperialismus nutzbar machten kann als der Todfeind des Nationalismus gelten. Frieden kann nur errungen werden, wenn dieser Rassismus vollständig niedergerungen und seine Protagonisten in freier Selbsterkenntnis sich als Gleiche unter Gleichen verstehen und nimmer gleicher sein wollen.

Bild: Wasserfall, Norwegen im Juni 2013