Provinziell

„Provinziell muß die Welt werden, dann wird sie menschlich.“ (Oskar Maria Graf)

Diesem Ausspruch einen bayrischen Provinzdichters sei das nebenstehende Foto zur Seite gestellt, welches ich diesen Spätsommer auf Helgoland machte.

Verträgt sich dieser Ausspruch mit dem Liede von Fallerslebens, in welchem dieser in der ersten Strophe die Überwindung der Kleinstaaterei, der Zersplitterung forderte und eine Einigung über alles Kleinliche hinweg?

Ich meine ja. Denn erst das Provinzielle mit menschlichem Antlitz bedingt und verlangt von Herzen, tief empfunden nach Größerem, Höherem.
Fehlt das menschliche Gesicht, ist die Provinz nur ein Splitter im kalten Eiskristallgewirk einer Wirtschafts- oder Herrschaftsordnung zum Zwecke besserer Ausbeutbarkeit und Sicherung feister Behaglichkeit. In solchen Einheiten sind die Einigungsbewegungen nicht ersehnt, sondern berechnet und werden immer erst dann forciert, wenn die Oligarchen sich grün geworden sind, oder einer über’s Kuckucksnest gegangen ist. Oder aber, Jene dünken den Splitter ausreichend geplündert oder kontrolliert-durchdekliniert, daß sie meinen, es sei die Zeit reif für die Verschmelzung mit, bzw. zu etwas größerem.

Kommt es indessen von Herzen, sehnt man sich nach Vereinigung, so gibt es da keine Xenophobie, sondern die Provinz wirkt anziehend. Gleich und gleich gesellt sich gern, knisternde Spannungen zwischen Preiß und Sachs, zwischen Pidder Lüng und Andreas Hofer wirken hier befruchtend, nicht zertrennend. Es sei denn die kalte Hand der Rüster und Herrscher nötigt die Schreiberlinge und Merker, ihr Gift wirksam zu versprühen.

Und so wäre eine Nation der Provinzen ein echter Bestandteil der Nation Europa, belebt von Menschen mit Originärität.

Und damit ist es einem Europa der Regionen vorzuziehen, durchstreift von Investoren und Betriebswirtschaftlern auf der Suche nach positiver Feststellung von Standortfaktoren, bekniet und umgarnt von Lokalfürsten, die um Wiederwahl buhlen oder sich für die Zeit danach wohlfeil gezeigt haben müssen – für einen Logenplatz im schlechten Theater der Bohème.