Schulterschluß: Globalisten und Internationalisten gegen bürgerliche Souveränität. Eine Herleitung.

Der Begriff der Souveränität hat etwas charmantes, denn ursprünglich bezog er sich keineswegs auf die freie Entscheidungs- und Bestimmungsgewalt von Rechtssubjekten. Vor allem nicht auf den Souverän des Bürgers, wie wir ihn heute verstehen.

Reiterstatue Ludwig XIV. | Bildpixel / pixelio.de

Reiterstatue Ludwig XIV. | Bildpixel / pixelio.de

Die Souveränität kam einzig und allein dem König, als dem absoluten Herrscher, dem Überlegenen, Erhabenen (superanus = souverän) zu.
Doch mit der Befreiung des Menschen aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit entstand ein Bürgertum, welches sich keineswegs mit einem Selbstverständnis zufrieden geben wollte, welches es in seinen Rechten weniger erhaben definierte, als den gepuderten Gecken an irgendeinem, über Maß verschuldeten Hofe.
Diesem (Selbst-)Bewußtseinswandel mußte aber eine grundlegende Veränderung des Selbstverständnisses vorausgehen: Der Moment, in dem das Bürgertum sich nicht mehr als zwischen Oberschicht und Bauern wie Unterschicht stehend sah (und gesehen wurde), sondern gemeinsam mit dem freien Landvolk als Stand, dem sogenannten 3. Stand.
Dieses war die Voraussetzung, mit allem Recht für sich jene Gerechtigkeit in Anspruch zu nehmen, ja sie einzufordern, die ihm zustand. Und deren hinhaltende, verzögernde Zubilligung durch die bisherigen Souveräne letztlich zu deren Hinwegfegen von Thron und Sitz führte.
Jetzt war der Bürger es, der sich – sicherlich mit mehr Recht – erhaben und überlegen dünkte. Und zwar über Willkür, Bevormundung, Unterdrückung und Pressung. Und in seiner integrativen Erhabenheit ließ er den Stand des Adels und des Klerus – an Zahl durchaus beträchtlich reduziert – an dieser Souveränität teilhaben: Denn die Rechte, um die es hier ging, waren unveräußerliche, vom Schöpfer gegebene Rechte.

Ruine | A. Fischer 5/2014

Ruine | A. Fischer 5/2014

Versagte er sie den anderen, so stand das eigene Recht axiomatisch auf dem Prüfstand.
Mit diesem aufkeimenden Selbstbewußtsein der dritten und vierten Stände, wuchs auch von alters her vorhandenen, aber auch jüngeren Gemeinschaftsformen neue Bedeutung zu. Familien (Sippenverbänden), Gilden und Zünfte, Bünde, Vereine, Handlungen, Verwaltungseinheiten – bis hin zu Staaten: Diese Gemeinschaften entfalteten ihre rechtspersönliche Wirkungs- und gesellschaftliche Gestaltungskraft mit der Blüte des Bürgertums.
Wohl kaum ein Stand (gerne auch Schicht oder Klasse, je nach Façon und Couleur) hat sich in so mannigfaltiger Weise rechtssubjektive Gemeinschaften geschaffen, wie das Bürgertum. Vielleicht kann man das als präventive (nicht nur) Abwehrmaßnahme gegen jene verstehen, die weiterhin oder neuerlich ganz erhaben sein wollten, aber gegen so ein Dickicht von Menschen getragener Rechtspersönlichkeiten machtlos wären.
Immerhin hat der selbstbewußte Bürger auch immer ein gewisses Mißtrauen gegenüber Konstruktionen, die soviel Macht haben, daß sie souveräner als die anderen werden konnten.

Alle Souveräne sind souverän.
Nur sind manche souveräner als die anderen.

So hat der Bürger in seine mannigfaltige Verfaßtheit fast immer auch Abwehrrechte der Mitglieder dieser Gemeinschaften gegenüber dem Gemeinschaftskollektiv eingebaut. Freiheit bedeutet auch Mäßigungsrecht und –pflicht, sowie das Recht der Einrede, ja des Widerstandes.
Nicht zuletzt das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland atmet diesen Geist, auch wenn Fremdherrschaft es initiiert und seitdem fortwährend mißachtet und verletzt hat.
Diese Entwicklung geschah nicht zeitgleich, sondern war in Europa ein Prozeß, der sich über Jahrhunderte hinstreckte. Es gab auch Rückschläge und während der Bürgerstand in dem einem Volke alle Stände integriert und zusammengefasst hatte zur Nation, herrschte im Nachbarland noch jener einsam Erhabene und fürchtete um seine Souveränität: Wie, wenn die eigenen Untertanen von den Nachbarn Flausen in die Ohren gesetzt bekämen?
Von offenem Krieg, über Einflußnahme bei den bürgerlichen Eliten, bis hin zu unheiligen Bündnissen mit solchen Bürgern, die es  – so oder so – zu etwas gebracht hatten und als Inhaber von Produktions- oder/und Geldmitteln unkontrollierte Macht besaßen: Solange der Freiheitswille der Bürger wach und störrisch war, war jedes Mittel zum Macht (zuweilen durchaus auch Kopf-) Erhalt recht.

Einschluß oder Ausschluß? | lichtkunst.73 / pixelio.de

Einschluß oder Ausschluß? |
lichtkunst.73 / pixelio.de

Diese bürgerlichen „Eliten“, als kleine Teilmenge des 3. Standes, hatten zuweilen schon vorher manchen erhabenen Herrscher unter ihrer Fuchtel. Als Lieferant von Kriegsgerät, als Logistiker mit Hafen und Furt und Wagen, als Geldbeschaffer, als Produzent. Das machte sie, Ausnahmen bestätigen die Regel, mächtig und unangreifbar. Und gestalterisch. Findig?
Doch während ihre Macht stieg, beschirmt durch den kollektiv-integrativen Gemeinschaftswillen des Bürgertums und das Bündnis mit den (noch) Herrschenden, nutzten die Eliten ihre Sonderstellungen, um ein Mehr an Einfluß zu erlangen. Und Einfluß ist eine Vorstufe von Macht.
So kam es, wie es kommen mußte: Jene, die die Selbstbefreiung der Bürger zur verhindern Bündnispartner geworden waren, wollten nun selbst die Macht und nutzten ihren Einfluß und die Kenntnis um die Schwachstellen und Schwächen der bisherigen Souveräne, ihrer nun zu verratenden Verbündete – sie zu stürzen und ersetzen.
So entstand ein anderes Bündnis. Aber kein offenes und die Ziele dieser Bündnispartner waren nicht die gleichen.
Die bürgerlichen „Eliten mit Einfluß“ suchten ganz offensiv den Schulterschluß mit den intellektuellen Fürsprechern der bürgerlichen Freiheitsbewegung und mit den Medien. In z.T. geheimbündlerischer Weise wurden die Souveränität und mit ihr die Freiheit des Menschen großgeschrieben.
Allerdings mußte es alsbald erscheinen, als wäre mit Fraternité die Bruderschaft eher gemeint, als Brüderlichkeit ,  als wäre die Égalité das Gleicher sein, und mit der Liberté die Befreiung des Liviathan, die Entfesselung des (Raubtier)Kapitalismus.
Denn bei aller integrativen Kraft des selbstbewußten dritten Standes: Es gelang ihn zu zerspellen.
Mit der Industrialisierung, dem Übergang von der Manufaktur zur Fabrik, mit dem Hunger nach dem Mehr, in das sich die Wirtschaften der Völker supranationalisiert und in den Wachstumszwang der Kapitalverzinsung begeben hatten, mußte der Wert der schaffenden, bildenden Arbeitskraft sinken: Denn fortan sollte das Kapital den höchsten Wert haben und über Erfolg oder Nichterfolg entscheiden.
Von dem 3. Stand, dem Land-, Dorf- und Stadtvolk spaltete sich der 4. Stand, die Arbeiterklasse ab und nichts war hier mehr erhaben, souverän. Dem Bürgertum steckte fortan die Angst in den Knochen, wieder in die Leibeigenschaft zu gelangen. Dabei war es im Ergebnis gleich, ob ein hoher Herr von blauem oder wässerlichem Blute, lediglich das Leibchen als letztes Eigentum ließ.

Arbeit ehrt | Cornerstone / pixelio.de

Arbeit ehrt | Cornerstone / pixelio.de

Und dann waren da noch die Ideologen des Proletariats, die dem kleinen Bürgertum verhießen, daß seine Zeit gezählt sei und es früher oder später doch proletarisch werde, und dem anderen Bürgertum verhießen, daß die Bündnisse der Arbeiterschaft mit ihm rein strategischer Natur waren und nach der Schaffung des Sozialismus auch dieses Bürgertum proletarisch werden müsse. Das verlange das erbarmungslose Gesetz des „Histomat“. Aber vorher galt es, die Macht der Bürgertums dermaßen zu erschüttern, daß es nicht mehr das naiv-törichte Fundament der ausbeuterischen Macht der Eliten, der Bourgeosie, sei.
Und so entstand – als Abspaltung der (selbsternannten) Proletariatsideologen – genau diese merkwürdige Anschauung der Dinge und Verachtung ausgerechnet der Ideale, die bis heute das Bürgertum zum inklusivsten Stand der Neuzeit gemacht und zum größten Gegner der supranationalen, globalen Ausbeuterclubs geschaffen hat.

„AdornoHorkheimerHabermasbyJeremyJShapiro“ von Jeremy J. Shapiro. Original uploader was Jjshapiro at en.wikipedia - Photograph taken in April 1964 by Jeremy J. Shapiro. Lizenziert unter Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 über Wikimedia Commons

„AdornoHorkheimerHabermasbyJeremyJShapiro2“ von Jeremy J. Shapiro. Original uploader was Jjshapiro at en.wikipedia – Photograph taken in April 1964 by Jeremy J. Shapiro. Lizenziert unter Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 über Wikimedia Commons

Diesen Ideologen ging es um die Zerstörung des Bürgertums in allen seinen Gemeinschaften (Kollektiven), als Stabilisator, ja letztlich Lebensgrundlage der ausbeuterischen Klasse der Bourgeoise. Und als Korrektiv der Bourgeoise. Denn nur solange der Kapitalismus gezähmt war durch das Menschenbild und Rechtsverständnis des verwurzelten 3. Standes, konnte er sich nicht selbst zerstören in seiner gefräßigen Gier. Dieses Bürgertum war also eher sperriges Hemmnis und daher der verhaßteste Feind, als die Ausbeuter der Arbeiterklasse selbst, der Bourgeois.
Und zur Erlangung dieses Zieles der Vernichtung der bürgerlichen Gesellschaften waren den abweichlerischen Apologeten der Zersetzung alle Mittel recht. Und alle Bündnisse.
Auch die Bourgeoisie hatte ihre Genese erfahren, und ihre mächtigste Abspaltung, die Globalisten (früher Imperialisten) für ihren Teil ebenfalls festgestellt, daß die bürgerlichen Gemeinschaften Hemmnisse der Profitmaximierung sind: Familien, Sippen, Mitarbeiterschaften, vor allem aber Nationen, als die größtmöglichen Einheiten in sich solidarischer Verbände, standen der Profimaximierung entgegen. Denn der Vereinzelte ist selten widerständig. In der Gemeinschaft ist der Mensch stark, in der vermassten Gesellschaft ein Nichts. Er wird klaglos, höchstens murrend, alles fressen, was ihm aufgetischt wird und in Ermangelung tiefer Gemeinschaftserlebnisse wird er Ersatzbefriedigung im Konsum suchen.
Womit wir schon beim Bürger der Jetztzeit sind, dessen Souveränität durch die Beobachtung, Auswertung und Steuerung seines Konsums, seines ganzen virtuellen oder echten Daseins Schritt für Schritt ausgehöhlt wird.
Das Erstaunliche daran ist, daß die unheilige Abspaltung der Proletariatsideologen zunächst die wissenschaftliche und gesellschaftliche Vorarbeit geleistet haben: Sie erforschten des Menschen Begehrlichkeiten und Sehnsüchte, seine sozialen Interaktionen. Sie unterstellten ihm in endlosem Nihilismus ausschließlich eigennützig, niemals wirklich altruistisch zu sein. Sie machten ihn zu einem schuldbeladenem Wesen, auf dessen Schultern all die Zeugnisse der Zerstörungswut und Abwesenheit von Schöpfungsliebe abgeladen wurde, die eigentlich nur ganz kleine Menschengruppen exzessiv-extasisch und global zeigten.
Von der Psychoanalyse über das manipulatorische Marketing bis hin zum Protegieren jenes Typs von Naturwissenschaftler, der mit der Schaffung von Genmonstranzen genausowenig ethische Probleme hat, wie mit der Programmierung von Algorithmen zur restlosen Manipulation des freien Konsum- und sozialen Interaktionsverhaltens.

Frankfurt - so oder so |Martin Jäger / pixelio.de

Frankfurt – so oder so |Martin Jäger / pixelio.de

Globalisten und Internationalisten arbeiten Hand in Hand:
Der Mensch wird vermasst, der Individualist soll ums Goldene Kalb tanzen und die bürgerlichen Gemeinschaften werden geschwächt. Denn die Erhabenheit über Bevormundung, Manipulation und Steuerung ist seine Souveränität und er schützt sein Recht zum souverän sein, indem er seine souveränen Gemeinschaften verflicht, fundiert und gestaltet.
Warum die Internationalisten gemeinsam mit den Globalisten die Souveränität der bürgerlichen Gemeinschaften zerstören wollen, bleibt zu fragen offen.
Ein Gedanke könnte sein, daß die wichtigsten Befreiungsideologen des Proletariats – oder ein bestimmter Teil von ihnen – in Wahrheit niemals die 4. Klasse im gütigen Auge hatten, sondern schon immer ganz eigene, partikulare Vorhaben umsetzen wollten.
Ein anderer könnte sein, daß die gesunde Langmütigkeit des 3. Standes und mit dem Aufschub seines Untergangs auch die Weltrevolution derart verzögerte, daß diesen Internationalisten der Geduldsfaden riß und sie lieber den Endsieg des Globalismus sähen, als das Fortleben kohärenter Völker, gesunder Familien und souveräner Individuen.
Aus Sicht eines Angehörigen des 3. Standes muß diesen mannigfaltigen Angriffen ein gesunder Langmut entgegengesetzt werden. Was aber den Versuch der vollständigen Übernahme der Verhältnisse auf dem Globus durch Grüppchen nur an Selbstbereicherung oder Nihilierung alles Edlen, Hilfreichen und Guten interessierter, so muß dieser Entwicklung zum Schlechten auf allen Ebenen Einhalt geboten und die demonstrative Umkehr eingeleitet werden: Die Befreiung des Menschen aus der fremdverschuldeten Unmündigkeit.