Tag der Arbeit und die Deformation der Menschen in durchökonomisierten Gesellschaften

Darf man idealisieren? Man darf. Ich darf. Oder besser, ich frage gar nicht, ob ich denn dürfe. Wüßte ich doch garnicht, wen ich um Zustimmung fragen sollte oder gar das Recht zumäße, dort zu befinden. Ich darf, weil ich will, was ich kann.

Ich kann durchaus idealisieren, daß es einmal Gilden und Zünfte gab, die Ihre Mitglieder verpflichteten, ehrbar zu handeln und zu werken.
Es war ganz einfach: Wer nicht in Gilde oder Zunft war konnte nicht Kaufmann oder Handwerker sein. Wer nicht ehrbarer Kaufmann oder Meister war, konnte nicht Glied einer Gilde oder Zunft sein. Er wurde nicht aufgenommen oder – gegen das Gesetzte handeln / unterlassend – ausgestoßen. Ein einfaches. Ein klares Prinzip. Die Ehre des Unternehmers und Meisters war offen(!) verknüpft mit der Behandlung der anvertrauten ‘Untergebenen’, der Achtung des Abnehmers und der Güte seiner Waren und Werke. Wie gesagt: Offen.
Eine Gilde, eine Zunft ist daher etwas ganz anderes, als eine Loge, in der die hehre Philantropie mit all ihrem Humanismus sich in einem Geheimbund artikuliert.

Doch pusten wir den Staub von den vergilbten Blättern dieser Idealisierung und bewegen uns ins jetzt.
Wir leben in Gesellschaften, in denen die Ehre des Betriebswirts und Dienstleisters von keinem anderen abgefordert wird, als vom Verantwortenden selbst (im besten Falle), vom Vertragsrecht und dem Fiskus. Steuerehrlichkeit. Das letzte Refugium von Roß und Reiter, die gern mit offenem Visier reiten.

Und wie heißt es so schön: ‘Wie der Herr, so das Gescherr.’
Wenn  Cheffe kein Ehrenmann ist, nicht durch Vorbild führt, sondern durch Ausbeutung und mit Seelenkauf im steten Wechsel, dann heißt es schnell ‘Wes Brot ich eß, des Wort ich red’ und der Mitarbeiter paßt sich an. Und in einer gesellschaftlichen Ordnung, die den Stoff über den Geist stellt – die Materie über den Glauben und das Ideal, hier ist es nur konsequent und folgerichtig.

Aber haben wir uns schoneinmal ernsthaft den Gedanken gemacht, was es mit dem Menschen macht, solche Dienstauffassung zu ‘leben’? Interessiert uns das? Mich schon…
Als Konservativer sollte ich vielleicht ein pessimistisches Menschenbild haben. Aber ich rumore in dieser Schublade ein wenig herum: Ich glaube daran, daß es eine menschliche Eigenschaft ist, nach persönlicher Ehrbarkeit zu streben. Ganz altruistisch. Ja, liebe Psychoanalytiker, die ihr so sicher seid, daß es diese archaischen Wertedimensionen der menschlichen Seele nicht gibt – und deswegen, weil eure Analyse auf die Artung eurer Väter und nicht die edler Geschlechter fußt, deswegen scheitert ihr auch immerfort in eurer Einflußnahme auf die Geschicke der Menschheit – ich glaube an das Gute im Menschen. Und optimistisch zu sein heißt für mich hier, des edle im Menschen zu suchen und – erkannt – zu sehen.

Wir leben also in einer Gesellschaftsordnung, die zugleich Wirtschaftsordnung ist. Und die ‘Ordnung’ besteht darin, daß der Entfaltung des Ausbeutungskartell ein Nachtwächterstaat zur Seite gestellt ist, dem Bürger (von ersterem verstanden und unterschieden als/in Arbeitnehmer und Konsumenten) aber ein Überwachungs- und Beschäftigungsstaat. Beschäftigung, nicht umsonst klangverwandt mit ‘Geschäft’, ist hier entweder die Zuführung in das Ausbeutungskartell oder mit Gameshows vor dem 66″ LED-Plasma-LCD-GTI-16V-Turbo-Kompressor Telescreen. So oder so.

Als Mitarbeiter darf der benutzte Mensch dann sinnlosen Tand in Erzeugnis oder Dienstleistung an den Mann, d.h. den Mitmenschen bringen.
Man raufe sich die Haare und denke daran, daß alleine in unserm Land Zehntausende in Call-Centern sitzen, und dort, nach strikt einzuhaltenden, von HighEnd-Manipulierern entwickelten  Gesprächsfäden, vollends überwacht – mit eingeholter Verbalzustimmung des Gesprächspartners am anderen Ende der Leitung – ein völlig unnützes Produkt zu verkaufen. Je blödsinniger die zu verkaufende Produktinnovation, desto leistungsfähiger das Call-Center.
Zehntausende von Mitarbeitern in Autowerkstätten wissen, daß ihren Kunden Leistungen berechnet werden, die diese nicht bekommen haben: “Auffüllen Scheibenwaschmittel 10 €”. Zehntausende sollen Versicherern Absicherungen verkaufen, für die es keine ernstzunehmenses Risiko gibt, Zehntausende legen das Ersparte der Kunden nach Vorgaben an, die der Ausbeuter festlegt und wegen der hohen Profitabilität eben axiomatisch nicht zu Besten des treudoofen Kunden sind.
Weit über einhunderttausend Beamte und Bedienstete kümmern sich um die Gestrandeten, die die keinen Arbeitsplatz haben. Sie bemühen sich, diese dem System zu(rück)zuführen. Aber, sie sollen auch die Statistik hübsch halten. Und so werden Menschen geparkt, versteckt, verschoben. Handlungsmasse der Arbeitslosenstatistik. Man verhurt sich im Hartz-System. Vorbildhaft.

Was macht das mit den Menschen? Es wenn es das mit ihnen macht, soll das so sein? Stört es jemanden. Protegiert man es? Ist es erwünscht, ist es gewollt?