Verdrossen? Vergiftet!

                                                                                                                                     Bilquelle: Michael Loeper  / pixelio.de
Der 22. September 2013 war einmal wieder ein denkwürdiger Tag.
Die Würde indessen, die blieb auf der Strecke. Denn es ist doch ein würdiges Ereignis, wenn der Bürger sich aufgerufen fühlt, ja sich selbst aufruft, für seine Gesellschaft,  seinen Staat und seine Führer zu stimmen. In einer freien, geheimen Wahl. Er, der Bürger, der sich hierzu hinter die ehernen, schutzbringenden Zinnen begibt, um Schutz zu finden und seinerseits für die Integrität der Mauern einsteht.

Ein schönes Bündnis: Ein Freier bindet sich an die Gemeinschaft. Schließt sich ihr dienend an. Die Gemeinschaft, sie nimmt seinen Dienst und leistet Schutz. Und Trutz.
Ein schönes Ideal. Ein leerer, schmeichelnder Wahn. Eine Utopie?

Das, was einmal eine Gemeinschaft war oder sich vorgenommen hatte, eine zu werden, zerspellt sich im Kündigungswahn.
Der Generationenvertrag: Gekündigt. Neuer Vertragspartner: Die Jünger des Hedonismus.
Der Gesellschaftsvertrag: Gekündigt.  Neuer Vertragspartner: Die wohlfeile Schar der Saat und Ernte verzehrenden Neoliberalisten.
Das Vertragen ist der Unterwerfung gewichen. Ehre, Treue und Pflicht ersetzt in Lissabon und durch Mechanismen, deren Stabilität sich im perpetuierenden Selbsterhalt von Gouvernanten und Gouverneuren spiegelt, die aber nicht für die europäischen Völker in den Dienst genommen ist.

Am 22. also – zu jener Bundestagswahl, auf deren Ergebnisse mit viel Bangen und Hoffen, seitens derer, die noch leidenschaftlich waren, auch mit bangendem Hoffen geschaut worden war – da gingen jene, die einmal Bürger sein wollten und in Anspruch nahmen, von ihren Vertretern und Führern auch so genannt zu werden – zur Urne und wählten.
Nicht, daß sie keine Wahl gehabt hätten. Ihnen – jetzt nur noch „die Menschen“ genannt, „die man mit ihren Sorgen mitnehmen muß“ – blieb die Wahl, die Urne zu mißachten und stattdessen an einem sonnigen Sonntagnachmittag ein Apfelbäumchen zu Pflanzen. Die Menschen hätten auch etwas unflätiges, in weidlich saftigem Deutsch, auf den Wahlschein schreiben und die Ungültigkeit zu ihrer persönlichen Wahl machen können. Sie konnten aber auch aus einer Anzahl von Parteien und Personen wählen, die sie repräsentieren wollten.

Letzteres taten die Menschen. Und zwar in höherer Zahl, als zuletzt, vor 4 Jahren. Zumindest in ihrer absoluten Mehrheit.
Die absolute Mehrheit „der Menschen“ entschied sich, an der Urne zu wählen. Die absolute Mehrheit der wahlberechtigten Menschen in Deutschland wählte eine Partei und eine Person, von der sie – wohl oder kleineres Übel – wünscht (einige würden es sogar fordern), die nächsten 4 Jahre vertreten zu werden.

Die absolute Mehrheit tut dies unverdrossen, wenn auch sicher zunehmend überdrüssig.

„Was ist das?“, fragt nun der forsch Nachdenkliche, in völligem Unverständnis. Denn es ist nicht nur gefühlt, sondern seit Jahrzehnten auch durch kluge Sozialwissenschaftler nachgewiesen: Die, die einmal Bürger waren und die Menschen, die sich zu ihnen gesellten, sind von ihrer Polis verdrossen. Sie wenden sich von der Politik ab. Doch wem wenden sie sich zu?
Oh, wäre es doch ein Spiegelkabinett! Daß der Mensch endlich wieder zu sich selbst findet.
Ist es aber nicht. Ihm, dem Menschen wird hinter den Mauern, unter den Zinnen ein buntes Programm von Gauklern, Scharlatanen, fahrendem Volk bei wohl kurzer Rast, Mummenschanz und allerlei Firlefanz gezeigt und geboten. Wohin er sich auch (ab-)wendet. Denn dafür ist gesorgt in der Polis, in der der Bürger gelitten, DER Mensch aber Programm ist. Ein Programm, bei dem aber sicher nicht die Unantastbarkeit der Würde an erster Stelle steht. Nichts weniger als das.
Was ihn ablenken soll, lenkt ihn gerade und insbesondere mit Unwürdigkeiten und Mißachtung von jedweder Wertschätzung schöpferischen Geistes und wirkenden Schaffens ab davon, zornig zu werden. Umschlichen, umgarnt, umschlungen. Ein Faust in den Fängen Mephistos am Blocksberg.

Der Bürger, der sich einst unterfing, die Gewalten zu teilen, wird nun von einer Kumpanei vergewaltigt, in der die Politiker und die Medien eine Grundordnung ausprägen, deren Freiheitlichkeit sich in der Einforderung abwegigster Verkommenheit tatsächlich auslebt und die gleichzeitig die Sehnsucht nach Schöpfung, Kunst, Wahrheit und Schönheit verfemt. Als spießig – oder schlimmer.

Die, die früher draußen, vor den Mauern bleiben mußten oder wollten – weil sie nicht den conract social bejahten, die Gemeinschaft der anderen verachteten -, sind nun durch die Hintertürchen hineingeschlüpft und vergiften willentlich die Allgemeinheit, weil ihnen der volonté générale zuwider ist.
Sie vergiften die Biederkeit des ehrlichen Bürgers, der die Schöpfung achtet und einen großen, guten Geist in ihr sieht. Und sie vergiften den Austausch der Bürger untereinander. Denn der Diskurs ist nicht erwünscht. Gedanken an Freiheit sind ein Verbrechen. Wie viele andere Gedanken auch, die nichts mit der Förderung der Abwegigkeit und Verkommenheit jener Giftmischer zu tun haben. Normativer Zwang mordet das zwanglosen Ausleben von natürlicher Normalität. Und wo der meuchlings geführte Angriff nicht letal ist, werden dauerhaft Giftspritzer in den Diskurs gesprenkelt, bis sich „der Mensch“ entnervt abwendet und „gesündere“ Gefilde aufsucht. Dargeboten wird ihm hier mehr als genug. Die Apothekenumschau, VitaSprint und Rosamunde Pilcher sind omnipräsent.

Der Mensch ist nicht politikverdrossen. Der Bürger ist nur einem vergifteten Klima überdrüssig, in dem Schwefeldampf überall dort aufquillt, wo er Solidarität, Recht, Gemeinschaft, Leben, Gerechtigkeit  für seinesgleichen, seine Heimat, seine Burg fordert.

Wenn die Menschen am vergangenen 22. September jetzt in der Mehrheit den Stillstand gewählt haben, sollte man sie dafür nicht schelten. Es drückt sich darin eine große Friedensliebe aus. Eine definitive Primärtugend!
Nur, die Bürger tauschen mitunter rasch ihre michelige Schlafmütze gegen eine andere Kopfbedeckung.  Der Taktstock für den „Marschtakt der Tage“ kann unversehens durch einen bürgerlichen Spieß ersetzt werden, der – einmal umgedreht – in die richtige Richtung weist.
Die Frage ist, ob man’s kanalisieren möchte (siehe Bahnsteigkarte) oder die Mauern und Zinnen als ersetzbar oder gar obsolet, zumindest aber entweiht ansieht. suum cuique.

Turm um uns sich türmt, Tod dem der dich schuf!
Helden hält dein Tor, Helden kampfgewohnt

Wiehernde Pferde stampfen die Erde,
warten auf Reiter, warten auf Sieg

Turm um uns sich türmt, Turm mit Eisentor!
Besser wäre Glas, helles, klares Glas

Turm du wirst gesprengt, für die Flucht gesprengt!
Flucht zum großen Wald, der uns alle birgt.

(aus der dj.1.11, Verfasser & Komponist sind unbekannt)