Warum ich Militärparaden wichtig finde

Bundespräsidenten und Verteidigungsminister kommen und gehen,
der Große Zapfenstreich bleibt
Für den, der nicht gedient hat, wird das merkwürdige Gefühl des gemeinsamen rhythmischen Aufmarsches fremd, ja lächerlich erscheinen. Der Soldat wird ein Teil dieser stoischen Einheit, geht in dieser scheinbar auf, bleibt aber doch dienendes Glied. Bereitgestellter Mann (und ermannte Frau). Der Gediente empfindet den Schauer auf den Rücken als wohlig. Diese Wohligkeit gefällt ihm – oder sie erschreckt ihn in ihrer Archaik bis ins Mark. Es hat was mit ihm gemacht und er kann, er will damit nicht umgehen. Es gibt eben „so’ne und solche“. Suum Cuique, sagten wir Feldjäger und fingen ’solche‘ ein: ‚Wo kommen wir denn dahin! Erst schön zuende dienen, dann Pazifist werden. Wir sind ja hier nicht bei wünsch Dir was!‘
Doch zurück zum Tsching, Tsching –  Bumm, Bumm. Als neulich Herr Christian Wulff aus dem Dienst verabschiedet wurde, habe ich mir im Fernsehen den großen Zapfenstreich angeschaut. Der Anlaß war armselig, die Ausführung exzellent. Gute alte deutsche Militärtradition, möchte ich nicht ohne Sarkasmus hinzufügen. Und als die Kameras die jungen Gesichter der aufmarschierten Ehrenkompanien in Nahaufnahme entlangfuhren wurde mir klar, wie wichtig es ist, daß Soldaten vor ihren zivilen und militärischen Befehlshabern aufmarschieren. Schon oft habe ich mit ähnlichen Gefühlen historische Aufnahmen aus den 30er Jahren angeschaut. Von Jugendlagern, Segelflug- und Leichtathletikwettbewerben, Kundgebungen. Und dann dachte ich: die, die Du da siehst, waren wenige Jahre später tot. Zumindest mit einer Wahrscheinlichkeit von 80%  bei einigen Jahrgängen. Sie lagen irgendwo in der Welt in hastig gegrabenen Soldatengräbern. Im besten Falle.
Und plötzlich waren mir diese regungslosen Gesichter im Fernsehen, mit dem Blick frei geradeaus, plötzlich wie ein stummer Anruf an die, die die Ehrenformation abnahmen:

Seht, hier stehen wir. Wenn ihr befehlt, Todgeweihte. Trustis. Erzogen, nicht zu fragen, wohin und warum. Erzogen? Befohlen! Es gibt nur eine Gegenforderung, die wir haben. Und die nur als stummer , dröhnender Ruf an euch gerichtet: Wägt ab, ob ihr willfährig-schnöde unser Leben in den Kampf werft oder nur in der höchsten Not. Wir sollen töten, unsere „Seelen für immer verletzen“ für das, was ihr für alternativlos oder Fortführung der Politik mit anderen Mitteln befindet. Und ihr laßt uns sterben…

Und dieser stumme Anruf, ihm stellt sich der Truppenführer und Politiker in dieser Form nur beim Antreten. Ich weiß nicht, ob diese Tradition der Abnahme der Ehrenformation auch darin einen Grund hat – der Hauptgrund ist ja die Überprüfung des Führers, ob er sich auf seine Truppen verlassen kann, ob sie auf sein Kommando hören.

So schaue ich mir den großen Zapfenstreich an, sehe in die jungen Gesichter, die hier gleichsam als Stellvertreter für Deutsche Soldaten in der ganzen Welt aufgestellt sind. Ich denke mir ihren Anruf an das Gewissen derer, die sie befehlen – und die Kamera schwenkt in die Gesichter Wulffs, de Maizières und Seehofers… Und dann will ich’s brüllen: Nein, sie spüren und anerkennen euer Opfer nicht! Die da, die beschäftigen sich nur mit sich selbst und mit jenen, die ihr Weiterkommen fördern und sie an der Macht halten. Sie genießen nur, daß hier ein paar hundert Mann nach ihrer Pfeife tanzen und auch noch ihr albernes Wunschlied spielen. Männer, sie schicken euch gefühllos und kalt in den Tod und ins Töten – für fremde Herren, in aller Herren Länder. Ihr seid ihnen völlig Schnuppe.

Ich schließe die Augen und plötzlich flackert es anarchisch in einem schaurig schönen Traumbild. Fackeln irrlichterieren, ihre Schatten zeichnen fiebertraumartige Figuren. Ein Teil des Orchesters spielt Zwölftonmusik oder stimmt die Instrumente. Man weiß es nicht. Es klingt nur ungemein unharmonisch. Unmilitärisch wirr. Und dann steht die Formation wieder still und stoisch da. Wie ein verflogener Spuk ist alles ruhig. Nur, die Politiker sind weg. Und das Volk ruft: Alles hört auf unser Kommando. Rechts und Links – um! Ohne Tritt – marsch. Nach Hause, Jungens.

Soldat Michel? Bürger Michel.

P.S. Ich predige übrigens hier nicht die Abschaffung deutschen Militärs. Im Gegenteil: Die Abschaffung der allgemeinen Wehrpflicht erfüllt mich mit großer Sorge. Es ist gut, wenn ein Volk in großer Breite Mittel zum Erhalt seiner Wehrhaftigkeit und -fähigkeit in der Hand hält. Und das Wort ‚Mitte’l ist dann erlaubt, wenn es die eigenen Söhne sind. Ein stehendes Heer von Berufssoldaten gefährdet die Freiheit mehr, als eine große Anzahl Berufs- und Zeitsoldaten, die dazu da sind, Jahrgang für Jahrgang jünger Bürger in Wehrhaftigkeit zu lehren. Und ein Volk wehrt sich an seinen Staatsgrenzen und auf seinem Boden. Nirgendwo sonst!

Hermann Prey singt „Die Musik kommt“, ein Gedicht nach Detlev von Liliencron, Musik von Oscar Straus.